187 FREILIGRATH
mit dem versöhnenden Schluß: „Laß uns nicht richten — nur be-dauern !" Denn Tzschoppe war nur das elende Werkzeug eines würde-losen Systems.
In tiefster Zurückgezogenheit, selbst seinen engsten Freunden un-erreichbar, machte Freiligrath im Mai 1844 in der „Krone" zu Aß-mannshausen, die heute noch die Originalhandschrift besitzt, „diesBüchlein für den Druck zurecht". Für Cotta, den Verleger seiner„Gedichte", war das natürlich nichts, zu Milderungen und Aus-lassungen wollte sich der Dichter trotz allen Zuredens nicht verstehen.Er brauchte dazu einen jungen, unternehmungslustigen Verleger, demes auf einen Tanz mit den Polizeiministerien der dreiunddreißig Bun-desstaaten nicht ankam, und der die Schliche kannte, solch verfemteLiteratur hinter dem Rücken der Behörden an den Mann zu bringen.Bald hatte er den richtigen Vermittler gefunden: Victor v. Zabern inMainz, den Schwiegersohn des, wie es bald darauf in preußischenZensurakten hieß, „seiner ultraliberalen Gesinnung wegen genugsambekannten" badischen Staatsrats Jaup, mit dem Freiligrath in Darm-stadt freundschaftlich verkehrt hatte. Nach Treitschke (V, 683) gingJaups politische Gesinnung nicht über einen „sehr bescheidenen Libe-ralismus" hinaus. Da am Sitz der „Mainzer Central-Untersuchungs-kommission" die Druckereien von Spionen umlauert wurden, wargrößte Heimlichkeit geboten. Das Manuskript irgendeinem Zensorvorzulegen war aussichtslos, das Buch mußte also mehr als zwanzigBogen Umfang haben, um sein Erscheinen ohne vorherige Zensur zurechtfertigen. Die Gedichte reichten aber kaum für 10—11 Bogen nor-malen Drucks, obgleich unter den vierundvierzig Stück auch alle dieharmlosen waren, die Freiligrath im Lauf des letzten Winters mit Ge-nehmigung der Zensur in Zeitungen oder Zeitschriften hatte veröffent-lichen dürfen. Ihm lag daran, nicht nur seine jetzige Überzeugung zubekennen, sondern offen darzulegen, wie er aus einem Saulus des Be-stehenden ein Paulus der Demokratie geworden war; deshalb stellteer als Gruppe I die Verse an den Anfang, die wie das Gedicht „AusSpanien" und die Herausforderung an Herwegh „Ein Brief" eine„nunmehr hinter mir liegende Übergangsepoche meiner poetischen undpolitischen Bildung" bezeichneten. Als Anmerkung zum Inhaltsver-zeichnis druckte er obendrein die Urteile des Oberzensurgerichts vom13. Februar 1844 ab. Das Werk war also ein „Glaubensbekenntnis"im wahrsten Sinne des Wortes.
Der nicht ausreichende Text mußte aufs äußerste gestreckt werden;dadurch erhielt das Buch eine Ausstattung, die an Luxusdrucke moder-ner Dichter erinnert: große Schrift, meist nur zwei Strophen auf einerSeite, und ein besonderer „Schmutztitel" vor jedem Gedicht. So kamman mit dem Schlußvers glücklich auf 20V* Bogen. Bei Theodorv. Zabern wurde der Druck in aller Stille ausgeführt, der Dichter