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1 (1924)
Seite
127
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e „Nicht doch!" z. B. gehe nicht über das Maß dessen hinaus, wasim allgemeinen als nicht anstößig empfunden werde, z. B, in zahl-reichen Studentenliedern; „Die frommen Wünsche" (S. 174), eineÜbersetzung aus dem Italienischen, entbehrten vollständig dessen,was „auch nur im entferntesten unzüchtig genannt werden kann",man müßte denn an dem Worte „Jungfernfelle" (pars pro toto) An-stoß nehmen wollen. Ausführlich geht dann die Urteilsbegründungauf das satirische Gedicht „Die beiden Schwestern" und auf „Die Ver-wandlungen der Venus" ein. Das erstere gebe auf den ersten Blickam meisten zu Bedenken Anlaß. „Eine verständige Betrachtung aberläßt erkennen, daß es sich hier lediglich um eine Allegorie handelt, inder die wahre und die geheuchelte Scham, die Prüderie, als Schwesterngedacht sind, beide in Frauengestalten personificirt. Der Prüderie hatder Dichter, vom Haß gegen sie beseelt, eine Züchtigung mit derKnute zugedacht, und er schildert die Ausführung dieses Vorhabens,indem er sich im Traum ganz in den Personenkreis der allegorischenFiguren versetzt, ausführlich beschreibt, wie er dem verhaßten Weibedie Kleider vom Leibe reißt, bis sie in ihrer nackten Scheußlichkeitall des Falschen beraubt, was sie äußerlich ansehnlich erscheinen ließ,vor ihm liegt." Allerdings geht der Dichter bei dieser Beschreibungin den Ausdrücken über die einzelnen Körperteile des nackten häß-lichen Weibes außerordentlich weit, so daß hier in der Tat das nor-male Scham- und Sittlichkeitsgefühl in geschlechtlicher Beziehungverletzt werden kann (folgen Zitate der S. i86f.). Aber es muß hierdoch auf das gesehen werden, was der Dichter mit seiner Schilderungbezweckt, d. h. man muß die Schilderung als nichts anderes nehmen,als das, was sie sein soll, nämlich eine Allegorie, ir. welcher die „Prü-derie an den Pranger gestellt und wie ein aller Kleider entblößteshäßliches altes Weib, in ihrer abstoßenden, Ekel erregenden Nacktheit,die sonst von Falschheit und Heuchelei verhüllt ist, gezeigt und ge-geißelt wird, bis bei ihrem Anblick der Dichter, der sie schlagen will,selbst die Scham, wiederum personificirt in einem schönen Weibe miteinem Lilienstab, anwandelt: ,Ich bin die Scham,' heißt es auf S. 190und ,die da, meine mißratene Schwester.' Dieser allegorische Sinn derDichtung nimmt ihr wieder das Anstößige, Unzüchtige, so daß es vomLeser nicht als unzüchtig empfunden wird, auch nicht in der Schluß-strophe S. 192, wo die Liebe zu dem schönen Weibe, der wahrenScham, in der dem Dichter eigenen Art hervortritt." —

In den Sinn des Gedichtzyklus „Die Verwandlungen der Venus"einzudringen, gelang dem Gericht nicht überall. „Der AngeklagteDehmel selbst giebt an, daß dieser Cyclus die Überwindung der un-gezügelten und verirrten Instinkte durch den geistigen Adel einerWahrhaften Liebe darstelle. Solche verirrten Instinkte besiegt er z. B.in dem Gedicht .Venus Anadyomene' (S. 204f.) und ,Venus perversa'