BÖRNE 7 o
Börnes Nachfolger wurde Johann Baptist Pfeilschifter, der vordemin Weimar das „Oppositionsblatt" herausgegeben hatte und 1819 inFrankfurt die Wochenschrift „Zeitschwingen" redigierte, die bei Fer-dinand Hauch in Offenbach erschien und zur liberalen Oppositiongehörte; der wirkliche Besitzer scheint Fr. Wilmans in Frankfurtgewesen zu sein (s. Gutzkows Börne-Biographie, 3. Aufl. Bd. 12 seiner„Gesammelten Werke". 1875, S. 308). Pfeilschifter erging es auf derRedaktion der „Zeitung der freien Stadt Frankfurt" nicht besser alsseinem Vorgänger, er erwies sich aber bald als „bekehrungsfähigerJakobiner" und wurde von der österreichischen Regierung „zu Gna-den angenommen"; er war später einer der eifrigsten Konfidenten,die den Staatskanzler Metternich mit geheimen Berichten über Frank-furter Literaturkreise bedienten. (Über ihn Geiger, „Das jungeDeutschland", S. 218, und Glossy, „Literarische Geheimberichte",Register.)
Mit Pfeilschifter nun hatte Börne getauscht, er übernahm AnfangJuli 1819 die „Zeitschwingen". Das letzte halbe Jahr, sagt Gutzkow,„hatte ihm Nachtwachen, Geldstrafen, die witzigsten Gedanken undtreffendsten Wahrheiten gekostet und nichts eingetragen, als die Über-zeugung, daß man unter dem Damoklesschwerte der Censur höchstensfür seinen Styl manche Feinheiten, manche diplomatische Unbestimmt-heiten, graziöse Zweideutigkeiten lernen könne. Börne sagte oftscherzhaft und ließ es drucken, daß man mit Einführung der Preß-freiheit auch der Ausbildung des deutschen Styls schaden würde;fein, witzig, behutsam, graziös ließe sich nur schreiben, wenn dieKatze Censur mit uns spielte." Aber Börne vertauschte die Rollenund setzte sein Spiel mit der Zensur in den „Zeitschwingen" so er-folgreich fort, daß Hofrat Gentz, der sich von Börne in einem „fata-len" Artikel „das erstemal in seinem Leben in einem wirklichenWiderspruch ertappt" sah (Briefwechsel mit Pilat II 433), in Wien„heroische Maßregeln" gegen ihn beantragte (Geiger, a. a. 0. S. 65).Wenn er damit auch zunächst nicht durchdrang, so spitzte sich dochdie Situation zu: Frankfurter Bundestagsgesandte ließen sich auf-fallend häufig einzelne Nummern der Wochenschrift holen, und demVerleger in Hanau (Hessen) wurde so zugesetzt, daß er schließlichzu Kreuze kroch. In Nr. 81 teilte „Der Herausgeber an seine Leser"mit: „Von heute an erscheinen die Zeitschwingen unter Censur. Wodie Freiheit Allen verloren ging, da gewährt die Gleichheit Trost.Das haben wir schon unter Napoleon erfahren. Laßt uns die Weis-heit der Vorsehung bewundern! . . . Meine Leser dürfen es mir glau-ben . . . wenn ich sie versichere, daß die von der Großherzoglich-Hessischen Regierung wegen der Censur der Zeitschwingen erlasseneWeisung in den Ausdrücken der möglichsten Schonung ab-gefaßt ist . . . Das Urtheil über inländische Angelegenheiten ist