45 v. BAUERNFELD
durch keine künstlerische oder wissenschaftliche Rücksicht bedingt,sie hätten keinen innern Zusammenhang mit dem sonstigen Inhaltund seien durchaus entbehrlich ; der Verfasser habe sie nur eingefügt,um dem Buch eine „pikante Würze" zu geben. Durch diesen sexuellenBeigeschmack werde das Buch eine unzüchtige Schrift. — Von einerUnbrauchbarmachung des ganzen Buches sah aber der Gerichtshof ab,da die übrigen Stellen nicht objektiv unzüchtig seien und die Ent-fernung der Seiten 135—140 sich leicht bewerkstelligen lasse; auch,,mit Rücksicht auf den in seinem Werte gewürdigten anderweiten In-halt des Buches" nahm der Gerichtshof von der gänzlichen Ver-nichtung Abstand. — Unmittelbar nach der Beschlagnahme seinerNovellensammlung „Fin de siecle" plauderte Bahr in der „Gegenwart"0891. Nr. 2 vom 10. Jan.) gewissermaßen zu seiner eignen Recht-fertigung über „Galante Bücher". Der Zote gegenüber empfiehlt ereine „Lynchjustiz seitens der Künstler", im übrigen versucht er diepsychologischen Gründe darzulegen, die den Dichter immer wieder zurBehandlung erotischer Probleme reizen. Er kommt dabei auf fünfKategorien: „Sie wollen die ganze Wahrheit entblößen, sie wollen(aus empörter Keuschheit) das Ideal rächen, sie wollen die Nervenvergnügen, sie wollen die Spießer giften oder sie wollen ihre Tech-nik erproben — es sind immer unobscöne Zwecke, für welche sie sichder obscönen Mittel bedienen". Zu welcher Klasse dieser „Menagerieder Erotiker" er sich selbst zählt, verrät er nicht, aber recht hat er,wenn er zur eigenen Verteidigung meint, „daß Einer noch nicht geradenotwendig der schwärzeste Bösewicht unter der Sonne zu sein braucht,verruchter Sündenknechtschaft rettungslos verfallen und wie ein Aus-sätziger zu fliehen, bloß weil er die galanten Künste übt".
v. BAUERNFELD, EDUARD (1802—1890),
Bauernfeld war — dies Zeugnis stellt ihm sein Freund Grillparzeraus — „der Wütendste unter den Gegnern der Zensur". Die jungdeut-sche Literaturbewegung der dreißiger Jahre weckte auch in ihm dasBedürfnis, zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und da erdas nirgendwo weniger durfte als in seiner Heimat Österreich, schienauch ihm die dornenvolle Laufbahn eines von der Zensur geknebeltenösterreichischen Schriftstellers beschieden. Im Anfang grillparzerte erein wenig. „Von einer ,Gräfin von Orlamünde, die ich angefangen,will Schreyvogel nichts wissen," so lautet ein Stoßseufzer aus seinemTagebuch vom November 1826. „Eine deutsche Medea! Das Publicumertrüge es nicht, meinte er. Zudem würde es jedenfalls verboten wer-den. Wann wird endlich der Teufel diese verfluchte Censur holen?Wir sind arme Hascher. Aber was war' denn aus Goethe und Schillergeworden, wenn sie als Österreicher geboren wären?" Von dieserelegischen Stimmung, als ob nur die Zensur den höhern Aufschwung