„AGRIPPINA" «
BERLIN.Berlin! Berlin! du großes Jammertal,
Bei dir ist nichts zu finden als lauter Angst und Qual,
Der Offizier ist hitzig, der Zorn und der ist groß:
Miserabel ist das Leben, das man erfahren muß.Und wenn's dann Sommer ist.
So ist ein große Hitz'.
So müssen wir exerzieren,
Daß uns der Buckel schwitzt.Komm' ich auf Wachtparad'
Und tu' ein falschen Schritt,
So ruft der Adjutant:
Der Kerl dort aus dem Glied.
Die Tasche herunter, den Säbel abgelegt,
Und tapfer drauf geschlagen, daß er sich nicht mehr regt.
Und wenns dann Friede ist.
Die Kräfte sind dahin ;
Die Gesundheit ist verloren,
Wo sollen wir denn nun hin?Alsdann so wird es heißen:
Ein Vogel und kein Nest.
Nun Bruder häng den Schnappsack an.
Du bist Soldat gewest.
Darunter stand die Anmerkung: „Dieses Volkslied, welches, wie diePrügel-Erwähnung andeutet, aus früheren Zeiten herstammt, ist imHannoverschen aus dem Munde des Volkes aufgeschrieben worden.H. Heine." Es liegt kein Grund vor, Heine das nicht zu glauben;Volkslieder zu sammeln, war seit Arnim und Brentanos „Wunder-horn" Mode, und daß er selbst nicht etwa das Poem verbrochen hat,gilt als erwiesen. Ein kleiner satirischer Stachel war natürlich darin,denn die Prügelstrafe war in Deutschland bei Militär sowohl wie Zivilnoch keineswegs abgeschafft. Der preußische Polizeiminister v. Schuck-mann war denn auch über den Abdruck dieses Volksliedes höchst empörtund gab dem Kölner Polizeipräsidenten am 17. August den Befehl, die„Agrippina" sofort zu verbieten, da sie „durch mehrere Artikel, in-sonderheit aber durch den ersten Artikel in Nr. 97, hinreichend die Un-geschicklichkeit ihres bereits aus früherem Preßunfug bekannten Re-dakteurs vollkommen bestätige". Mit Nr. 103 vom 25. August hauchtedie Zeitschrift ihr Leben aus, und ihr Herausgeber Rousseau mußtesich in Aachen eine andere Existenzmöglichkeit suchen. Außerdemmußte der Oberpräsident der Rheinprovinz, v. Ingersleben, auf Ver-langen des Ministeriums den Zensor zur Verantwortung ziehen, der„einem so gemeinen und unschicklichen Artikel" das Imprimatur ge-