Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
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601
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601 WERNER

legte das Manuskript, der möglichen politischen Beziehungen wegen,dem Minister des Auswärtigen vor, dem Grafen Stadion. DessenVotum vom 14. September 1807 hat sich gefunden; es lautete:

„So weit ich mir die Zeit nehmen konnte, die Tragödie Attiladurchzugehen, finde ich nichts was in politischer Hinsichtseiner Aufführung entgegenstehen könnte. Der Held des Stückesgiebt durch sich selbst, so wie er hier vorgestellt ist, keinen Stoff zueiner Paralele mit irgend einem lebenden Helden und Eroberer, unddie einzelnen Stellen, welche zu Anwendungen Anlaß geben könnten,scheinen mit ziemlicher Sorgfalt geändert worden zu seyn. Nur sindnoch zwei Stellen, pag. 51:

.Allein kein andrer will, und darum muß ich;wenn zehn nur etwas wollten in der Welt,So war' es mit der Welt noch wohl bestellt";

dann pag. 198:

,Der Occident ist überwunden,

Dann wird das Recht im Orient erbaut',

die eine Änderung bedürften.

Da ich nun aber einmal diese Piece in Händen gehabt habe, sofinde ich mich aufgefordert auch meine Meinung über die übrigenAnsichten wonach sie beurtheilt werden muß zu sagen. Ich haltenemlich das ganze Stück für ein schmutziges literarisches Monstrum,welches von keiner Censur zur Aufführung geeignet gefunden werdenkann. Der Karakter der Hildegunde ist eine unmoralische Miß-geburth, die nur eine krampfhafte oder verrükte Einbildungskrafthervorbringen kann; die Sprache in dem größten Theil der Tragödie,gereimter und ungereimter Unsinn; mehrere Scenen und fast alleCoups de theatre ekelhafte Bilder, die man einem Publicum, welchesnicht aus lauter Hunnen besteht aus Achtung nicht auftischen darf;das ganze endlich ein Gewühl in den Scheußlichkeiten der mensch-lichen Natur wovon die Wiener Bühne verschont bleiben sollte. DieScene des Gerichts mit Wodans Schwert ist wohl nur vergessenworden von dem Censor ganz auszustreichen.

Stadion."

Es war also nicht die Furcht vor einer Deutung des Titelheldenauf Napoleon, wie Werner nach den Äußerungen des Polizeizensorsglauben mochte, die das Stück zunächst von der Wiener Bühne fern-hielt, sondern der ästhetische Widerwille des Außenministers, aufden der Zensor und die Theaterunternehmer wohl oder übel Rück-sicht zu nehmen hatten. Der Polizeipräsident aber wurde im Juli 1808durch Freiherrn v. Haager ersetzt, und Stadions Nachfolger wurde1809 Graf Metternich. Die Theaterdirektoren erneuerten ihren Antrag.