WERNER 600
liehen Nationaltheaters" — diese Bezeichnung wurde seit dem29. Dezember 1806 auf den Anschlagzetteln nicht mehr geduldet —hatte Ursache, mit allem vorsichtig zu sein, was an Politik erinnerteund patriotische Empfindungen entflammen konnte. Er war bei derfranzösischen Behörde keineswegs gut angeschrieben; er hatte esgewagt, bei einem Gastspiel in Preßburg die Ungarn zur Unter-stützung Deutschlands gegen Napoleon aufzufordern, und eine Be-rufung nach Kassel, dem Sitz Jeromes, die ihn aus Berlin entfernensollte, auszuschlagen. Er hütete sich daher wohl, vor einem Parkettvon mißtrauischen Franzosen Stücke aufzuführen, die als eine Her-ausforderung gedeutet werden konnten; die stramme französischeZensur hätte ihm wohl auch das Handwerk schnell gelegt. Der langeArm Napoleons hätte ihn jederzeit, und wohin er auch geflüchtetwäre, leicht erreicht. In seiner Antwort an Werner vom 7. Sep-tember 1807 äußerte er daher zahlreiche diplomatische Bedenken.Das Wort Friede sei zwar ausgesprochen, aber die Friedenswirkungnoch keineswegs eingetreten. Man dürfe es nicht von der Bühneherab sagen, daß alles nur noch Trümmer seien, auch wenn darausBlumen sprössen. Die Nennung Sr. Majestät des Königs und manchesandere sei viel zu gewagt. Überhaupt dürfe Politisches gar nichtberührt werden, „auch nicht durch Erinnerung". In einer so großenvielfach gestimmten Stadt entständen „Berührungen, Anmahnungen,Schwierigkeiten, Lücken in den Übergängen, welche eine Sorgegeben, die nicht im Ausgange zu bemessen ist". Werners Friedens-prolog ist denn auch niemals zur Aufführung gelangt.
Und mit seinen neuen Arbeiten konnte sich die Wiener Zensur-behörde durchaus nicht befreunden. Graf Palffy, einer der damaligenPächter der drei Haupttheater in Wien (Burgtheater, Theater an derWien und Theater am Kärntnertor), hatte ihm zwar die Theater-bearbeitung der „Söhne des Tales" für 225 Gulden abgekauft undihn damit aus großer Verlegenheit gerettet; aber mit der Aufführunghaperte es, und sein neues Drama „Attila", das er schon in Berlinbegonnen, in Wien vollendet hatte, gab er zwar derselben Direktion„auf dringendes Ansuchen", aber ob es die Zensur passieren würde,war höchst ungewiß. Es war, so schrieb er am 22. August 1807 anIffland, sein „einziges acht dramatisches Stück", voll „Effekt, Hand-lung, Coups", ohne eine Spur von Mystik, und spielte nur zwei Stun-den; er sollte die Aufführung selbst inszenieren und wollte dannwieder nach Berlin zurückkehren; aber „so unschuldig, unpolitischund unmystisch" es auch war, schon der Name „Attila" flößte demZensor Schrecken ein, denn Attila — das sollte gewiß kein anderersein als Napoleon, und obgleich Werner sein Ehrenwort gab, daß ermit keinem Gedanken an ein solches Urbild gedacht habe, wagte derPolizeipräsident v. Sumerau nicht selbst zu entscheiden, sondern