597 WERNER
„vertraulich dahin wirken, daß der Name Martin Luther aus demTitel des Stückes wegbleibe". Kommissionsrat Cerf hatte sich, da dieSache eilte, außerdem noch telegraphisch an den König gewandt,der damals in Ems weilte und den Festlichkeiten in Worms beige-wohnt hatte. Diese Eile wurde ihm zum Verhängnis. Wilhelm I.forderte sogleich telegraphischen Bericht von der Polizei, und ob-gleich diese berichten konnte, der Minister habe bereits das Stückfreigegeben, kam noch am 17. aus Ems die Weisung: nach der so-eben in Worms stattgehabten Feier sei die Aufführung irgendeinesStückes, in dem Dr. Luther die Bühne betrete, unpassend. Danachblieb dem Minister nichts übrig, als die schon erteilte Erlaubniswieder zurückzuziehen. Da die Presse sich mit diesem unerwartetenVerbot beschäftigte und der Minister durch den Gegenbefehl desKönigs in etwas peinliche Lage geraten war, legte er diesem ineinem längern Schreiben vom 20. Juli den Hergang dar. Über seineMotive zur Freigabe des Stückes erklärte er:
„Bei der Erwägung der Angelegenheit im diesseitigen Ministeriumwurde zwar die innere Berechtigung der bei den früheren Verbotenmaßgebenden Bedenken auch jetzt vollkommen anerkannt, andrer-seits aber in Betracht gezogen, daß die Wirkung der Aufführung sichbei der geringen Bedeutung des Stückes unfehlbar auf ein kleinesPublikum beschränken, die politische Wirkung eines erneuten Ver-bots dagegen grade in diesem Augenblicke möglicher Weise in sehrweiten Kreisen ausgebeutet werden würde. Besonderes Gewichtwurde auf folgenden Punkt gelegt. Die neuerdings in Berlin ver-suchte kirchliche Agitation hat einen fruchtbaren Boden bisher vor-zugsweise deshalb nicht finden können, weil jeder Anhalt fehlt, dasKirchenregiment oder die Staatsregierung in den angeblichen Kon-flikt hineinzuziehen. Die Agitationspartei würde jeden Vorwandwillkommen heißen, die kirchliche oder politische Autorität in dasBereich der Polemik zwischen Orthodoxie und kirchlichem Libe-ralismus zu verwickeln. Das Verbot des Wernerschen Stückes würdevon der urteilslosen Menge als ein Schritt politischen und kirchlichenObskurantismus gedeutet und vermutlich als ein Mittel zur neuenAnfachung der bereits erstorbenen Agitation ausgebeutet werden.Die Wirkung würde in politischer Beziehung um so leichter ver-wertet weiden können, als es gerade süddeutsche Schauspieler sind,welche das Stück gegenwärtig aufführen wollen, und als dasselbejüngst erst auf mehreren Bühnen, z. B. in Mannheim und namentlichzur Vorfeier des Lutherfestes in Worms aufgeführt worden ist. Inletzterer Beziehung besonders würden die unvermeidlichen Miß-deutungen eines Verbots sehr mißlich und in dem großen Publikumschwer zu bekämpfen und aufzuklären sein. Solchen Erwägungengegenüber schienen die Bedenken gegen die Aufführung des an und