WERNER 596
nichts. 1862 machte Deichmann einen neuen Versuch. Er reichte am2. November die Bearbeitung des Stückes ein, die Franz Dingelstedt,der Weimarer Theaterintendant, 1857 mit großer Wirkung hatte auf-führen lassen, und ein Schauspieler aus Weimar, Lehmann (soschreibt Deichmann statt: Lehfeld) sollte als Luther auf der Fried-rich-Wilhelm städtischen Bühne gastieren. Die Polizei hatte schonam 21, Oktober an ein „älteres Verbot" des Stückes erinnert. Alsder Polizeipräsident sich mit Deichmanns Gesuch an den Königwandte, überließ dieser die Entscheidung dem Kultusministerium;gegen die Charakteristik der beiden Brandenburger war vom höfi-schen Standpunkt aus nichts einzuwenden. Minister v. Mühler abererklärte im Einverständnis mit seinem Kollegen vom Innern am7. Dezember 1862, auch diese neue Bearbeitung eigne sich unterden jetzigen Zeitverhältnissen, die offenbar in Weimar nicht be-standen, nicht zur Darstellung: „Die innern Beweggründe der Re-formation und ihre Berechtigung sind in dem Stücke so völlig ver-kannt, die Auffassung der Persönlichkeit Luthers ist so flach, un-bedeutend und verfehlt, daß eine Vorstellung auf der Bühne nurallen bewußten Protestanten zum Ärgerniß gereichen, die Mengeirre leiten und zum Hohn und Spott Anlaß bieten könnte. Einerneuerter Versuch der Aufführung könnte überdies zu ähnlichentumultuarischen Auftritten führen, wie sie bei einem früheren Ver-suche vorgekommen sind." Sonderlich tiefsinnig mutet diese Be-gründung des Verbots nicht an, sie lebt eigentlich nur von derdunkeln Erinnerung an „tumultuarische Auftritte" bei einem „frühe-ren Versuch", die genauer zu präzisieren dem Minister wohl schwer-gefallen wäre. Ein Stück, das auf dem Hoftheater seine Premiereerlebt und dort hartnäckig wiederholt worden war, ungeachtet desProtestes bestimmter Zuhörer, und das der König selbst gegen dieGeistlichkeit gehalten hatte, mußte doch, so hätte der Minister beieiniger Sachkenntnis schließen müssen, nicht so ganz unbedeutendsein.
Dieser Meinung waren die Berliner Theaterdirektoren offenbarauch. Am 16. Juli 1868 reichte Polizeipräsident v. Wurmb dem Innen-ministerium abermals eine Bearbeitung der „Weihe der Kraft" ein;sie war von dem Stuttgarter Schauspieler Dr. Karl Grunert, dermit einigen süddeutschen Kollegen am Viktoriatheater in Berlingastierte. Am 25. Juni war in Worms Rietschels prächtiges Luther-denkmal enthüllt worden; als eine Nachfeier dazu sollte am 18. Julidie „Weihe der Kraft" in Berlin in Szene gehen. An der Genehmi-gung des Stückes hatte Cerf, der Direktor des Viktoriatheaters, sowenig gezweifelt, daß er es unbedenklich schon ankündigte. Tat-sächlich gab auch der neue Minister des Innern, Graf Eulenburg,am 17. Juli die Erlaubnis, er ließ nur durch den Polizeipräsidenten