Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
580
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WERNER 580

und noch mehr vor Jahren unsere berüchtigten Vorgänger ausge-führt. Dabei wurden die mancherlei öffentlichen Aufzüge undMummereien nicht vergessen, darin sich die Gendarmenoffiziere inden Straßen Berlins gezeigt hatten. ,Man müßte mal wieder so einenSpaß machen!' —■ ,Aber welchen, wie?' — .Natürlich einen Aufzugzu Pferde.' Nach längerem Hin- und Herreden schlug der RittmeisterKönigseck vor, das dazumal in Berlin häufig aufgeführte Spektakel-stück, Werners Weihe der Kraft, zu einer Mummerei und einemAufzuge zu wählen. Der Vorschlag gefiel und es wurde folgendeParodie des Stücks entworfen. In einem Auftritt desselben wird inWittenberg ein Nonnenkloster aufgehoben, und der diese Handlungvollziehende sächsische Kanzler sagt den Frauen: .Geht in die Weltund wirket.' Alle verlassen hierauf das Kloster, und es ist im Stückkeine Rede mehr von den in die Welt gestoßenen Nonnen, nurKatharina von Bora bleibt auf der Scene, um später Luthers Frauzu werden. Die Parodie sollte nun ergänzend das fernere Schicksalder übrigen Nonnen darstellen. Diese nämlich, so ward ange-nommen, ziehen, um einen Wirkungskreis zu suchen, nach Berlinund finden hier in Madame Etschern (einer bekannten Kupplerin)die Vorsteherin, unter der sie zu wirken anfangen. Als Luthersolches vernimmt, reist er in Begleitung seiner Hausfrau nach Berlin,um die neue nutzbar gemachte Frauenanstalt zu besuchen. Hiermacht er eines Tages zur Erholung eine Schlittenfahrt mit den ehe-maligen Lebensgefährtinnen seiner geliebten Katharina und ihrerneuen Vorsteherin, der Madame Etschern, die auch auf Observanzzu halten hat und ihre Pflegebefohlenen Jungfrauen nicht ohne Auf-sicht in die Welt lassen kann.

Der also gemachte Entwurf dieses etwas rohen Spaßes, wobeiwir, zu unserer Entschuldigung sei's gesagt, nur den WernerschenDoktor Luther, nicht den geschichtlichen Riesen und Glaubensheldenins Auge faßten, wurde belacht und ausführbar gefunden. Damitaber am andern Tage das ausgesonnene Stückchen nicht wie einverschollenes Gespräch vergessen würde, schlug ich eine Unter-schrift vor und erbot mich zur tätigen Inswerkstellung des Ganzen.Dies ward auch beliebt, und bald standen auf meinem Blatte dreizehnbis fünfzehn Unterschriften (bloß Gendarmerieoffiziere). Nachdemwir uns hierauf Stillschweigen zugesagt, ging ich ans Werk.

Ich ließ einen Schlitten auf niedrige Räder setzen und diese mitherabhängendem grauen Tuch bedecken. Vier rüstige Pferde konntendies Fuhrwerk bequem ziehen. Darauf wurden folgende Verhaltungs-regeln aufgesetzt: Jeder Theilnehmer stellt vier bis sechs Vorreiter,alle reich gekleidet, in Jacken aus Gold- und Silbertressen, wie sol-ches bei großen Schlittenfahrten üblich ist. Ferner versieht er sichmit einem wohl angepaßten und anständigen Frauenanzug, sowie