Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
570
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VISCHER 570

Antrittsrede schon den Entwurf gebildet hatte, seine „Aesthetik"■Band 1 erschien im Frühjahr 1846, die erste Hälfte des 2. folgte imHerbst 1847, als Vischer eben seine Vorlesungen wieder begonnenhatte. Darüber kam es zu einem neuen, übrigens nicht dem letzten,Zusammenstoß mit der vorgesetzten Behörde. Am 29. Dezember 1847meldete Strauß seinem Freunde Rapp: „Gestern Nachmittag lief einSchreiben von Vischer ein, wonach jetzt der Tanz mit dem Mini-sterium aufs Neue losgeht. Seine Ästhetik II. Band unterlag, weilder Buchhändler die I. Abteilung unter 21. Bogen, für sich aus-geben wollte, der Censur und diese beanstandete mehrere Stellendes letzten historischen Abschnittes, theils als Beleidigung auswär-tiger Staaten (das südöstliche Deutschland nach der Reformation —deutsche Türkei; Russen und Franzosen in Algier und im Kaukasus■—■ gewissenlose Organe der Kultur etc.), theils als republikanischund Minister Schlayer verlangt drohend Aenderung dieser Stellen.Allein der Verleger hat das Buch schon versandt und so würde dieserst recht nichts nützen. Dieser Handel kann sehr ernst werden, istaber ein neues Zeichen der Elendigkeit unserer Zustände." Und am31. Dezember schrieb Strauß an Vischer selbst: „Das ist also dieArt, wie unser württembergisches Vaterland die Werke seiner Söhnebelohnt, in welchen diese die gesammelten Früchte eines halbenLebens ihm darbringen . . . Wie Humboldt (in seinem .Kosmos') einallgemeines Naturgemälde vom naturwissenschaftlichen Standpunkte,so giebst Du hier vom ästhetischen ein Natur- und Geschichts-gemälde. Mußte ich im ersteren Deinen scharfen, vielseitigen Blick,auch die umfassenden Naturstudien bewundern, denen Du Dichunterzogen, so sprach mich doch Deine geschichtliche Skizze vorAllem an. Und aus dieser klauben die Tropfen Stellen aus, die indiesem Zusammenhang gar nicht politisch aufregend wirken können,ja ganz verschwinden, wenn man sie nicht sucht. Vollends das gegendie fremden Mächte! Da stehen wöchentlich im Deutschen Zuschauerganz andere Sachen. Die Geschichte ist doppelt ärgerlich, weil sieso leicht zu vermeiden war. Hätte der Verleger den ganzen Banderscheinen lassen, so hätte kein Hahn darnach gekräht. Oder wärediese Hälfte in Baden gedruckt worden, wieder nicht. Freilich, werkonnte sich so etwas einbilden? Nun wird Alles darauf ankommen,was der Minister macht, wenn er die bereits geschehene Versendungerfährt. Der Verleger wird da jedenfalls gestraft — sieh zu, daß seinetwaiger Ruin Dich nicht beeinträchtigt; denn daß er die Censurnicht abgewartet, — für diese Thorheit bist Du nicht verantwort-lich." Der Verleger scheint mit einem Verweis davongekommen zusein; von einem geänderten Druck der 1. Hälfte des 2. Bandes ver-lautete wenigstens nichts.

[Benutzte Akten: Preuß. Geh. Staatsarchiv, Rep. 77 II Gen. 19