569 VISCHER
genommen, da muß man's kaufen", schrieb Varnhagen am 9. Märzin sein Tagebuch.
Wenige Tage vor der Konfiskation der „Kritischen Gänge" inBerlin, am 21. November 1844, hatte Vischer, seit dem 5. Septemberordentlicher Professor in Tübingen, seine Antrittsrede über das Ver-hältnis der Ästhetik zu den Fakultätswissenschaften gehalten, eineförmliche und leidenschaftliche Kampfrede gegen alle Feinde derfreien Wissenschaft, und dadurch bei der kirchlich-pietistischen Partei,die dem Hegelianer längst nicht gewogen war, einen Sturm erregt.Die feindliche Presse nannte sie religions- und staatsgefährlich, undein Fackelzug, den die Studenten ihrem kühnen Lehrer brachten,reizte die Gegenpartei nur noch mehr. Im Januar 1845 gab Vischerdie gröblich mißdeutete und verleumdete „Akademische Rede zumAntritte des Ordinariats" heraus. Nun setzte die Agitation gegen ihnmit verbissenem Nachdruck ein. Ein Pietist brachte sogar „21 Thesen"gegen den „neuen Gottesleugner" in Umlauf. Die Minderheit desakademischen Senats stimmte für Vischers Entlassung; die Mehrheitwar für den goldenen Mittelweg: Rüge und Verwarnung. Dem Mini-ster v. Schlayer genügte das nicht, er suspendierte den gefährlichenAkademiker am 14. Februar 1845 au ^ zwe ' Jahre von seinem Amte.Am Tage, an dem Vischer den Ministerialerlaß erhielt, war ihm seinerster Sohn geboren worden; seine Vorlesung begann er daher mitden Worten: „Meine Herren I Ich habe heute einen großen Wischerund einen kleinen Vischer^ eine kleine Unmuße und eine große Mußeerhalten." Daß Vischer Humor besaß und von dieser Gabe beson-ders in der Polemik gern Gebrauch machte, verziehen ihm dietrocknen Seelen seiner Kollegen und Vorgesetzten am wenigsten. —Übrigens wurde diese Antrittsrede Vischers in Österreich halb ver-boten, d. h.: sie durfte nur auf besondern Antrag, „erga schedam",wie die Formel hieß, Gelehrten vom Buchhändler oder der Bibliothekgeliefert worden. — Vischers Freund, David Friedrich Strauß, hattegleich im November 1844 über die Antrittsrede einen Aufsatz fürdie „Kölnische Zeitung" geschrieben, der, obgleich er „gar nichtverfänglich" war, von der Redaktion zurückgewiesen wurde. Alsdann die Rede im Druck vorlag, arbeitete Strauß das Manuskriptum und gab es dem Stuttgarter „Beobachter", in dessen Nr. 15 eserschien, nicht ohne mehrere Eingriffe des dortigen Zensors, wieStrauß dem Freunde am 8. Februar mitteilte; besonders habe „dieCensur die Vertheidigung der Stelle aus Deinem Plan einer Ästhetik__nach den Worten, Du verfahrest wie einGeometer etc. — ganz ver-stümmelt, so daß sie jetzt ganz abrupt und ungenügend klingt". —•
Das Ministerium hatte dem gemaßregelten Professor sein Gehaltgelassen. Die unfreiwillige Muße gedieh ihm zum Glück; er vollendetein den nächsten zwei Jahren das Werk, zu dem die verhängnisvolle