Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
364
Einzelbild herunterladen
 

MUNDT 3 6 4

neuen Generation zu werden, um schließlich nur. wie so viele seineiZeitgenossen, „ein recht genießbarer Schriftsteller" zu sein. Auchdieses Wort ist von Hebbel, der so manches Bessere auf seine kri-tische Guillotine zerrte, sich über Mundt jedoch sehr freundlichäußerte, denn dieser hatte einmal ein großes Wort über seine .Judithgesprochen. Das „manus manum lavat" ist dem Manne, dessen Ur-teile heute zu Evangelien gestempelt werden, wahrlich nicht fremdgewesen. Unter Hebbels Feuilletonredaktion brachte auch die „Öster-reichische Reichszeitung" einen Roman von Mundt, der im selbenJahr 1850 als Buch erschien, „Die Matadore", mit das Ungenieß-barste, was Mundt je geschrieben, eine trübselige politische Chrom'"der Pariser und Berliner Gegenwart, wimmelnd von gleichgültigen,ja widerwärtigen Gestalten, und von einer Frivolität, an der dasSelbstverständliche der Tatsachen am meisten beleidigt. Aber einetiefere Wahrheit enthielt das Problem dieses Romans. Wer sind dieMatadore? Alles Leute, „die keine Helden sind, und gleichwohl dieArbeit der Helden heut zu verrichten haben". Eine undankbare, un-behagliche, vernichtende Aufgabe! Der jene Definition gab, war inseinem eigenen Sinne selbst ein „Matador".

Wie alle jungdeutschen Schriftsteller griff er in jungen Jahren,noch auf der Universität, zur Feder, des leidigen Erwerbes wegen-Seine Mutter war als unbemittelte Beamtenwitwe von Potsdam, w°Mundt am 19. September 1808 geboren wurde, nach Berlin über-gesiedelt; der Junge besuchte das Joachimstaische Gymnasium, danndie Universität, erst als Jurist, dann als Philologe, machte in Hallesein Examen und promovierte 1830 in Erlangen. In den vielseitigenGehegen der philosophischen Fakultät hatte er sich weidlich umhei-getrieben, so daß ihm das literarische Geschäft bald leichter wurde alsmühseliges Stundengeben. Novellistische Versuche gingen ihm glattvon der Hand; er ahmte Saphir nach, in dessen Zeitschriften seinName wohl zuerst gedruckt wurde, dann die Romantiker Tieck undHoffmann; zugleich begann er seine kritische Wirksamkeit und gabseine Gutachten über Literatur, Kunst, Philosophie, Politik, sogarMusik ab, obgleich er davon am wenigsten verstand. Er dilettiertefrischweg in allem; die Kenntnisse würden schon bei der Arbeitkommen. Sie kamen auch wohl, aber dann sah das Geschriebene ihmselbst sehr mager und unsicher aus, und er hatte seine Meinung ge-wechselt, als sie eben erst gedruckt worden. Ihm fehlte der wissen-schaftliche Eigensinn des jungen Gutzkow, der Ansichten, die ereinmal mit Fleiß erworben, so leicht nicht preisgab, mochten sieauch allein stehen, und ebenso die frische Dreistigkeit des Sprottauei"Maurersohns Laube, für den das gestern Geschriebene, wenn es eineDummheit war, nicht mehr existierte. Ihm half dafür eine lächelndeironische Überlegenheit, mit der er sich den Wandel aller Dinge und