Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
293
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293 JOHN

Genast schildert Augusts Freund als „klein und sehr schmächtig,das Gesicht langgezogen und mit einer sehr großen Nase ausge-stattet. Um die feingeschnittenen Lippen spielte gewöhnlich einsarkastisches Lächeln, hinter welchem sich entweder eine boshafteBemerkung oder Gott Bacchus verbarg, dem er mit ganzer Seeleergeben war". Dann folgt die allerdings „höchst drollige Scene",die sich im Hause Goethes wunderlich genug ausnimmt. Die mittäg-liche Tafelrunde war versammelt, nur ein Stuhl war noch leer, derJohns. Goethe, der auf größte Pünktlichkeit sah, wurde schon unge-halten. „Da öffnete sich die Tür, der Verbrecher trat mit ungeheurerGrandezza, herein und machte die zeremoniöseste Verbeugung.Goethe wollte ihm wahrscheinlich eine Bemerkung anzuhören geben,aber das Wort erstarb ihm beim Anblick des Missetäters auf derLippe. Die Riesennase desselben war mit Puder bedeckt, unter demein purpurner Schimmer hervorleuchtete. Dem Anschein nach wardieser hervorstehende Teil seines Gesichts mit einem Prellstein inzu nahe Berührung gekommen, und der Puder sollte die Folgenverdecken. Goethe war selten aus seiner gemessenen Haltung zubringen, aber hier war es denn doch damit zu Ende; er erhob sichund begab sich lachend in das andere Zimmer. Seine Entfernungwar das Signal zu einem allgemeinen Gelächter, bei welchem sichJohn ganz verwundert umblickte und die Frage stellte: .Wodurchhat mein Eintritt solche allgemeine Heiterkeit erregt?' — John,'rief der junge Goethe, ,was für ein Zufall hat Ihre Nase mit einemMehlsack in Berührung gebracht?' Damit war für den Armen dasRätsel des Gelächters gelöst, und augenblicklich entfernte er sich.Der Meister trat wieder ein und begab sich ohne jegliche Bemerkungauf seinen Platz, nur seine Gemahlin sagte: .Lieber Geheimrat, Johnläßt sich entschuldigen, er ist nicht ganz wohl'. — ,Nun, dann serviereman ihm auf seinem Zimmer', erwiderte Goethe, und damit war dieSache ein für allemal abgetan."

Aber Johns Tage im Goethehaus waren gezählt, Ende 1813 wurdeer entlassen. Er ging nach Dresden und wandte sich an den säch-sischen Hauptmann H. L. Verlohren, den er im letzten Sommer beiseinem Kuraufenthalt in Karlsbald kennengelernt hatte. Der Haupt-mann nahm den Gast aus Weimar gut auf und war gleich bereit,ihm ein neues Unterkommen zu verschaffen. Zuerst allerdings fragteer in Weimar an, was denn mit John vorgegangen sei und wie ersich geführt habe. Goethe, der froh war, den unzureichenden Sekretärauf gute Art los zu sein, gab am 24. Januar 1814 bereitwilligst Aus-kunft, die seine Güte und Versöhnlichkeit zeigt. Er ließ John selbstden Grund seiner Trennung von Weimar „bekennen und entschul-digen" und versicherte, daß er ihn ungern vermisse. „Seine schöneKenntniß der lateinischen Sprache, so wie einiger neueren, seine