249 GERVINUS
Wicklung Deutschlands einzugliedern versuchte. Eben darum wohlverbot Österreich gleich das ganze Werk. Zwei Bände schon warenin Leipzig bei Wilhelm Engelmann (1835tf-) erschienen. Derdritte wurde in der unfreiwilligen Muße, die Gervinus jetzt in seinerVaterstadt Darmstadt genoß, 1838 vollendet und mit einer Vor-rede eröffnet, die mit ungewöhnlicher Kühnheit die jüngsten Er-lebnisse in Göttingen zur Sprache brachte. „In einem Lande," beganndiese Philippika gegen den Despoten von Hannover, „wo sich Im-nioralität und brutale Gewalttat auf den Thron setzt, und selbst nurdie Maske des Rechtes vorzunehmen nicht für nötig erachtet, in einemsolchen Lande ist weder für einen Mann von Gewissen, noch für einenMann der Wissenschaft eine heimliche Stätte. Wer beneidete wohldie Zurückgebliebenen, oder wer möchte wohl der Verwiesenen Platzeinnehmen an einem Orte, wo die unvermeidlich einreißende Demo-ralisation gleich anfangs so versprechende Früchte trägt, daß wirnoch erlebten, wie man die Wahrheit durch Ordonnanz zur Lüge er-klärt, wie die Familien in ihren Gliedern unter sich zerfallen, wie derBekannte am Bekannten zum Spione wird, wie der Knechtischste undSchlechteste vor dem scheidenden Collegen, dem Ehrenretter seinesLandes, nicht den Hut mehr zieht, und wie der Beste, den Familien-pflichten in schwere Collisionen mit seinem Gewissen bringen, Mein-eide schwören und sich damit trösten kann, ,daß wir doch nur Hundeseien'." In diesem handfesten Stil ging es noch drei Seiten weiter.
Nun war es aber eine gemeinsame Verabredung der deutschenBundesstaaten, daß der hannoversche Verfassungsbruch in der Pressenicht erörtert werden dürfe und die Zensoren jede Äußerung darüberunbedingt zu streichen hätten. Die zahlreichen Broschüren, die überdie Hannoversche Frage erschienen, wurden allenthalben verboten,auch die von Jakob Grimm über seine Entlassung und das Gutachtender Juristenfakultäten in Heidelberg, Jena und Tübingen über diehannoversche Verfassungsfrage, das Dahlmann veröffentlichte. DieRegierungen rechneten offenbar alle mit der Möglichkeit, daß jedevon ihnen einmal einen ähnlichen Schritt wie der König von Han-nover werde wagen müssen, und wollten sich nicht präjudizierenlassen. Die Vorrede zum 3. Band des Gervinusschen Werkes erregtedaher bei dem Leipziger Zensor großen Schrecken und wurde voll-ständig gestrichen. Gervinus ließ den Band ohne Vorrede erscheinen,veröffentlichte aber unmittelbar hinterher seine „Gesammelten kleinenhistorischen Schriften" (als 7. Band seiner „Historischen Schriften").Diese erschienen in Karlsruhe bei Friedrich Wilhelm Heider 1838 undbrachten an erster Stelle die in Leipzig gestrichene Vorrede zum3. Band der „Nationalliteratur" 1 In Baden bestand für Bücher über20 Bogen Umfang Zensurfreiheit. So kam die fulminante Erklärunggegen die hannoversche Regierung und die königstreuen Kollegen in