FICHTE 90
anonymen Schriften war, die in den Augen einer damaligen Staats-behörde nur als gefährliche politisch-revolutionäre Pamphlete geltenmußten, deren Verkauf streng verpönt war, und von denen die eineauch bereits auf einem Index verbotener Bücher stand?
Der Zusammenstoß mit der preußischen Zensur bei Gelegenheitseines ersten Buches hatte in Fichte, der schon als Schüler in Pfortagegen die dortige Beschränkung der Lesefreiheit und gegen die allge-meine Zensurbedrückung revoltiert hatte, eine flammende Entrüstungentfacht. „Ich für meine Person spreche der Preußischen Inquisitionunter die Nase Hohn", erklärt er herausfordernd seinem Freundev. Schön am 16. Februar 1792, und am 30. September verrät er, derFürstenerzieher in spe, daß er an „Reden über Wahrheitsliebe"arbeite, „worinn ich meinem Zeitalter überhaupt, und besonders denKönigen, und Weisen desselben einige nützliche, und nöthige Wortesagen möchte". Erst sollten sie ein „Zuruf an die Bewohner der preu-ßischen Staaten" sein, denen der bigotte Justizminister Wöllner durchsein Religionsedikt und das daran anschließende Zensuredikt von1788 ein Schloß vor den Mund hatte legen wollen. Die Arbeit mußteihren Verfasser auf vergleichende Studien über die gesamte damaligePreßgesetzgebung führen. „Zurückf orderung der Denkfreiheit vonden Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten. Eine Bede. Helio-polis, im letzten Jahre der alten Finsternis", so lautete daher der Titeldieses Manifestes, das wie der helle Schrei eines jungen Falken schrillzum Plimmel stieg und den mühsam verhaltenen Ingrimm aller, diesich geknechtet fühlten, in glühende Worte faßte.
Wie sein Zeitgenosse Wilhelm v. Humboldt in seiner ebenfalls1792 verfaßten, aber vorsichtig im Schreibtisch zurückgehaltenenSchrift „Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit desStaats zu bestimmen", steht Fichte in seiner „Zurückforderung derDenkfreiheit" ganz auf dem Boden des Naturrechts: der Staat istnur Mittel zum Zweck, dem Menschen sein ursprüngliches Recht zusichern oder wiederzuverschaffen. Er ist ein Notstaat, wie sich Fichtespäter einmal ausdrückte; Hauptziel der Regierung ist, die Regierungüberflüssig zu machen. Während aber der künftige Staatsmann Hum-boldt diese Grundsätze in der gemessenen, zum Teil trockenen Sprachedes Philosophen vorträgt, ist der junge Philosoph ganz Temperamentund flackernde Empörung. Es ist die eindringlichste, aufwühlendste„Rede an die deutsche Nation", die Fichte je gehalten hat, auch wennihr die Wirkung versagt blieb, die der eifernde Patriot, der ehemaligeKosmopolit, später auf dem Katheder der Berliner Akademie in demvon Franzosen besetzten Berlin erzielte. Fast die ganze Rede ist eineeinzige Apostrophe an die Fürsten und Völker. „Glückseligkeit erwar-ten wir nicht aus eurer Hand," ruft er den ersteren zu, „wir wissenes ja, daß ihr Menschen seyd — wir erwarten Beschützung und Rück-