89 FICHTE
mit Rücksicht auf den „Religionsspektakel" und die neuen Zensur-gesetze, bei einem so gefährlichen Thema wie einer Offenbarungs-kritik in schützende Anonymität gehüllt habe, mit einer eilfertigenBegeisterung, die das Werk eines unbekannten jungen Anfängersniemals erweckt haben würde, und war nicht wenig verblüfft, alsKant selbst im Juli 1792 durch eine Erklärung in der Jenaer „Allge-meinen Literaturzeitung" (Nr. 102) die wahre Urheberschaft ent-hüllte.
Sollte Fichte dem Verleger zürnen? Sein Buch wurde durch diesenVerlegertrick nicht schlechter, die empfindlichen, oft so langwierigenWehen des ersten Autorruhmes waren spielend überwunden, unterKants Fittich war Fichte mit einem Schlag ein berühmter Mann ge-worden, er wurde alsbald Mitarbeiter der Jenaer Literaturzeitung,und Ende des nächsten Jahres verschaffte ihm diese Erstlingsschrifteinen Ruf als Professor der Philosophie an die Universität Jena.Ostern desselben Jahres war die „Zweite, vermehrte, und verbesserteAuflage" des Buches erschienen; er widmete sie dem OberhofpredigerReinhard in Dresden, den er noch immer für seinen Gönner hielt.
Das erste Ziel also war überraschend schnell erreicht: er bedeutetejetzt etwas in der Welt, er hatte einen Namen, er hatte als Autor,wie er selbst zugibt, „ein so ganz eignes ausgezeichnetes noch nieerhörtes" Glück gemacht, er war ein neuer Stern am Himmel derPhilosophie, um Verleger seiner Manuskripte war er nicht mehr ver-legen, obgleich seine Honorarforderungen nicht bescheiden waren.Jetzt war es Zeit, auch seiner Braut gegenüber aus der freiwilligenVerschollenheit wieder aufzutauchen, jetzt kam er nicht mehr mitleeren Händen. Ende 1792 knüpfte sich der Briefwechsel mit Zürichwieder an; im Frühjahr 1793 kehrte Fichte in die Schweiz zurück,im Herbst heiratete er, und im Frühjahr 1794 siedelte er nach Jenaüber, wo man schon im Sommer 1793 ein Auge auf den „MagisterFichte" geworfen hatte. Er hatte in Zürich auf Grund seines erstenBuches sogar den Doktortitel erhalten, der besaß aber in Deutsch-land keine Geltung.
Fichtes so plötzlicher Aufstieg, seine Berufung an die UniversitätJena, mußte seine nächsten Freunde vielleicht am meisten über-raschen. Ob dieser Mann mit seiner rücksichtslosen Wahrheitsliebeund Tatkraft, schlimmer noch: mit seinem revolutionären Idealismussich in einem durchaus höfischen Milieu wohl lange behaupten würde?Die Vorurteilslosigkeit des jungen Herzogs Karl August und seinergroßen Paladine in allen Ehren — ging sie wirklich so weit, um auch— politische Entgleisungen mit in den Kauf zu nehmen, die sich derneue Philosophieprofessor unterdes hatte zuschulden kommen lassen?Wußte man überhaupt in Weimar davon? Und was geschah, wennbekannt wurde, daß kein anderer als Fichte der Verfasser zweier