Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

ESSIG 82

schwer gekämpft hat, und um der Familie auch ein materielles Er-trägnis zu versprechen. ,Ihr stilles Glück' gehört zu den wenigenStücken Essigs, die an das Theater keine unerfüllbaren technischenAnforderungen stellen und die ohne besondere Schwierigkeiten vonjeder Bühne gegeben werden können. In diesem Sinne ist auch diesesEssigsche Drama nach dem Tode des Dichters von der Presse her-vorgehoben worden, als sein künstlerisches Vermächtnis an diedeutsche Literatur, und wie wir uns schon vorher zu begründenerlaubten, als sein materielles Vermächtnis an die notleidendeFamilie.

Indem wir auf unsere früheren Eingaben in dieser Angelegenheitzurückkommen, erlauben wir uns noch einmal zu erinnern, daßdieses Drama, in dem lediglich ein Frauenschicksal voll Mitleid ge-schildert wird, gar keine Tendenzen gegen irgendwelche öffentlichenEinrichtungen hat, daß es sich überhaupt jeder Polemik enthält.Falls es zur Aufführung kommen sollte, wird jedenfalls wie schonnach dem Tode des Dichters, wieder anerkannt werden, daß et-waige Derbheiten oder Kraßheiten der Vorgänge nur der träumeri-schen Weltfremdheit eines unbefangenen und echtdeutschen Dich-tergemüts zugeschrieben werden können, und daß sie durchausnicht geeignet sind, irgendwelchen Anstoß zu erregen. Eine gemil-derte Fassung des Stückes ist schon s. Zt. im Einvernehmen mit demDichter für die Aufführung des Lessingtheaters zu Grunde gelegtworden, wozu noch bemerkt wird, daß unsere Aufführung durchausdie Tendenz hat, die romantische Art des Stückes zu erhalten undschon aus rein künstlerischen Gründen eine schroffe Betonung desRealistischen zu vermeiden.

Demnach stellt das Lessingtheater den ergebenen Antrag, die Frei-gabe von Hermann Essigs Drama ,Ihr stilles Glück' noch einmalin Erwägung ziehen zu wollen, und zwar mit der Bemerkung, daßsie für möglichst baldige Entscheidung besonders verbunden wäre,da das Stück im Anfang der nächsten Spielzeit als Trauerfeier fürHermann Essig in Scene gehen soll."

Auch dieser Versuch scheiterte. Man eröffnete der Direktion ineiner mündlichen Unterhaltung, daß auf eine Freigabe auch jetztnicht zu rechnen sei. Dabei kam offenbar auch die Charakteristik derVerbindungsstudenten in dem Stück zur Sprache, an der das Ober-kommando besonderen Anstoß nahm. Darüber, entgegnete der Ver-treter der Direktion, hätten sich studentische Ausschußmitglieder imentgegengesetzten Sinne ausgesprochen. Man stellte ihr noch an-heim, ihren Antrag nach dieser Seite hin zu ergänzen.

Aber dazu kam es nicht mehr. Das Protokoll zeigt die Fußnotevom 18. November 1918: „Durch Abschaffung der Theaterzensurerledigt. Zu den Akten."