Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
83
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FICHTE

FICHTE, JOHANN GOTTLIEB (1762—1814).Am 1. Juli 1791 kam ein mittelloser Kandidat der Theologienamens Johann Gottlieb Fichte mit einem Fuhrmann von Warschauher in Königsberg- an. Er war der Sohn eines armen, aber kinder-reichen Bandwirkers in Rammenau in Sachsen, hatte als Knabe dieGänse gehütet und am Webstuhl sitzen müssen, plötzlich aber einenadeligen Gönner gefunden, der ihm zum Studium auf der Fürsten-schule zu Pforta, dann auf den Universitäten Jena, Leipzig undWittenberg verhalf. Die Unterstützung war gering, Stundengebenund Hunger verdarben ihm die besten Jahre, und als er nicht sofortsein Examen machte, zog der Gönner seine Hand von dem angeb-lichen Bummler ab.

Wo in Sachsen und wie sich Fichte seit 1784 als Hauslehrer durch-schlug, ist so gut wie unbekannt; erst über die zwei in Zürich ver-brachten Jahre (Sommer 1788 bis Frühjahr 1790) liegen aufschluß-reiche Dokumente vor. Bei seinem Abschied von da verlobte er sich—■ oder richtiger: verlobte sich die unschöne, vier Jahre ältere, abertüchtige und nicht unvermögende Johanna Rahn, eine Nichte Klop-stocks, mit dem mittel- und stellungslosen Theologiekandidaten, dernun eine Rundreise durch Deutschland machte, um irgendwo einschnelles Unterkommen zu finden, denn er war ein Gegner langerBrautschaften. Nach Stuttgart, Weimar, sogar nach Kopenhagenwaren Verbindungen angeknüpft; der langjährige Hauslehrer wollteHofmeister irgendeines Prinzen werden, er trug sich mit einem Buchüber Fürstenerziehung, ein Problem, in dessen zeitgemäßer Lösunger das einzige Mittel sah, die aus den Fugen geratene Welt wiedereinzurenken. Aber nirgends konnte man ihn gebrauchen, in Weimartraf er weder Herder noch Goethe an, und am 14. Mai landete erwieder in Leipzig.

Was wollte er hier? Dem Studentenleben war er entwachsen, mitdem Elternhaus zerfallen, vor allem mit der unverträglichen undkleingläubigen Mutter, die ihn als verlorenen Sohn behandelte, weil ernoch immer kein Examen gemacht hatte und nicht schleunigst ineiner Dorfpfarre unterkroch. Als Hauslehrer hatte er wohl hier undda mit gutem Erfolg gepredigt, aber dem Examenswissen war erentfremdet, als „Selbstdenker" weit darüber hinausgewachsen, unddie auf das Verständnis der Unmündigen abgestimmte Theologie,wie er sie besonders in seiner sächsischen Heimat mit eifernder Wich-tigtuerei gehandhabt sah, konnte ihm nur noch ein Lächeln erwecken.Immerhin — gelang es, die lästigen Formalien eines verspätetenExamens ohne Zeitverlust zu überwinden und durch einflußreicheGönner zunächst ein Stipendium, später dann ein Predigeramt inirgendeinem Winkel zu erhalten, so hatte er wenigstens festenBoden unter den Füßen. Er faßte sich ein Herz und sprach bei den

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