Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
70
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DREYER 70

Morgenpost" vom 18. Februar und „Vossische Zeitung" vom 7. Mai1904.) Ein Jahr nach der Berliner Premiere vor geladenem Publikumwar das Stück bereits über fünfzehn deutsche öffentliche Bühnengegangen; darunter waren die Theater von Lübeck, Nürnberg, Stutt-gart (Residenztheater), Bromberg, Hamburg (Schauspielhaus, April1903, mit vielen Wiederholungen), Leipzig (Stadttheater) und Elber-feld (3. März 1903). Und als im Jahre 1908 die Frage der BerlinerAufführung des Dreyerschen Werkes aufs neue aktuell wurde, mußtedie dortige Polizei feststellen, daß trotz des Verbotes — oder geradeseinetwegen? —. nicht weniger als Sechsundsechzig deutsche undausländische Theater das Stück aufgenommen hatten — darunterdie Mehrzahl der preußischen! Und die noch fehlten, Frankfurt, Köln,Stettin, Königsberg und Hannover beeilten sich, das Versäumte nach-zuholen, als im Jahre 1908 das Polizeiverbot und das Urteil desOberverwaltungsgerichts zwar nicht aufgehoben, aber doch einerRevision unterzogen wurden.

Schon im Februar 1904, als jede erfolgreiche Aufführung des ver-botenen Stückes auf auswärtigen Bühnen wie eine Persiflage aufdas Urteil der Berliner Behörden wirkte, hatte zwischen dem Polizei-präsidenten v. Borries und dem Dichter nebst dem Direktor Brahmeine Rücksprache stattgefunden; dem Verfasser wurde dabei „an-heimgestellt, eine Umarbeitung des Schwanks vorzulegen und beidieser die von dem Oberverwaltungsgericht und dem Oberpräsiden-ten gezogenen Erinnerungen zu berücksichtigen". Eine solche Um-arbeitung legte im Januar 1908 das Berliner Lessingtheater vor.Dreyers Änderungen bezogen sich auf vier Punkte: 1. Pastor Saßwar weniger burlesk gehalten, insbesondere fielen die Tänze mit derWehmutter fort (S. 40, 42). 2. Die Unterhaltung des Markgrafenmit seinem Leibarzt über den „Morgenrötetrank" (S. 68) war ge-strichen. 3. Die Neigung der Markgräfin zu Hans wurde dadurch„honetter", daß sich beide als Jugendgespielen wiedererkennen. Und4. war der Schlußszene ebenfalls ihr stark burlesker Charakter ge-nommen. Der Polizeipräsident glaubte aber, mit Rücksicht auf dasUrteil des Oberverwaltungsgerichts auch die Umarbeitung nicht ohnehöhere Ermächtigung freigeben zu dürfen und stellte die Entschei-dung dem neuen Minister des Innern, v. Moltke, anheim. Dieser hattejetzt (14. Febr.) keine Bedenken, und so konnte nach fünf Jahrendas „Tal des Lebens" am 22. Februar 1908 im Lessingtheater öffent-lich in Szene gehen. Auch diesmal war der Erfolg unbestritten, unddie Kritik stellte mit Befriedigung fest, daß sich das Werk nicht viel,wohl aber — die Zensur geändert habe, und über die „höhere sitt-liche Idee", der zuliebe Dreyer jetzt—-nach wohlwollender Anweisungdes Oberverwaltungsgerichts — das Verhältnis der Markgräfin zuihrem Leibgardisten geändert hatte, wurde mit Recht vielfach gewitzelt.