BULTHAUPT 44
bedrängt hatten und zur selben Zeit auch die Bühnenlaufbahn der„Hexe" von Bulthaupts Landsmann Arthur Fitger durchkreuzten:die Rücksicht auf die Empfindlichkeit katholischer Theaterbesucher,die nur ungern an die geschichtliche Tatsache der Inquisition er-innert sind. Der Generalintendant des Berliner Hoftheaters lehntenicht nur die Aufführung des Stückes ab, sondern wies gleichzeitigdie ihm unterstellten übrigen kgl. preußischen Theater in Hannover,Wiesbaden und Kassel an, dasselbe zu tun. In einer Sammlung vonBriefen von und an Bulthaupt, die H. Kraeger 1912 herausgab, er-zählt der Dichter selbst von diesem Erlebnis, das ihn mehr, als ihmlieb war, zum Gegenstand der öffentlichen Debatte machte. „DerHauptskandal", schrieb er am 4. Mai 1886 an einen Freund, „istHülsens [des Berliner Generalintendanten] Verbot der .Neuen Welt'für die Königlich Preußischen Bühnen ,des Kulturkampfes wegen',ein Manifest voll von süßsauren Anerkennungen und Bedauernissen,das mit allerlei Glossen die Runde machte, und sogar einen Ge-sprächsstoff für die Kladderadatsch-Leutnants Strudelwitz und Pru-delwitz abgab. Einige hielten dieses Lärmen für ein Glück für michund das Stück. Ich selbst blieb ziemlich kalt dabei, bis es ein Nach-spiel erhielt, ganz kürzlich, das mich allerdings in Harnisch brachte.Breslau führte das Stück auf — eine Reihe von Wiederholungenstand in sicherer Aussicht — da legte sich der Polizeipräsident, umdie Gefühle der Ultramontanen zu schonen, ins Mittel und die ,NeueWelt' mußte auf seine Mahnung von der Bühne verschwinden. Eineherrliche Frucht der neuen Kirchenpolitik! Gott weiß, ich habe niefür den Kulturkampf und seine erste brutale Ausführung geschwärmt,aber daß eine große Mehrheit von Protestanten in Breslau einerMinderheit von Katholiken weichen, daß die Polizei mit so frecherWillkür dem Drama Gesetze vorschreiben darf, das geht mir überden Spaß und ich wehre mich meiner Haut." In einem spätem Briefdesselben Jahres (12. August) berichtet Bulthaupt im Anschluß andie „Neue Welt" von seinen ähnlichen Erfahrungen mit der Theater-zensur: „Gerade ich rühme mich in konfessioneller Beziehung dergrößten Vorurteilslosigkeit — ich will aber auch das Recht haben,ein jedes dramatische Motiv dramatisch zu verwerten und gegenalles, was das schöne Bild der Menschheit entstellt, die Geißel zuführen. Ich habe in dieser Hinsicht übrigens schon die seltsamstenErfahrungen gemacht: den .Gerold' z. B. haben sie seiner sozial-demokratischen Tendenz wegen beanstandet, während die anderendas gerade Gegenteil herausgelesen haben, und während diese michfür einen guten Protestanten hielten, wandten sich jene von dem.Aufklärer' mißgestimmt ab. Die .Maltheser' [eine Vollendung desSchillerschen Fragments] haben mich in den Verdacht des Katholi-cismus gebracht, und der .Ganymed' ... tut es möglicherweise auch."