Druckschrift 
2 (1928)
Entstehung
Seite
43
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43 BULTHAUPT

[Benutzte Akten: Geheimes Preußisches Staatsarchiv ' BerlinRep. 77 II Spec. H 28].

BULTHAUPT, HEINRICH (1849—1905).

Unter den zahlreichen Schillerepigonen des 19. Jahrhunderts istBulthaupt einer der sympathischsten. Seine Dramen zwar haben sichüberlebt; sein größter Erfolg war die „Dramaturgie des Schau-spiels", ein Beweis, daß seine kritisch-historische Untersuchung lite-rarischer Vergangenheit ihn selbst und seine Leser stärker fesselteals sein künstlerisches Schaffen; doch war er immer ein Talent, daszu pflegen der deutschen Bühne in den sonst unfruchtbaren beidenDezennien nach 1870 durchaus geziemte. Daß dieser begeisterteSchillerapostel, dessen behagliches Poetendasein als Bremer Stadt-bibliothekar kaum jemals durch eine polemische Stellung zur Weltin seinen bürgerlichen Grundfesten erschüttert wurde, jemals in dieSphäre verbotener Literatur geraten würde, hätte er sich wohl selbstnie träumen lassen. Wie er als Kritiker der jungen Dramatik mitVerständnis, wenn auch nur mit bedingter Hingabe zu folgen ver-mochte, so ließ er auch als Dichter die Probleme der Gegenwartauf sich wirken und verarbeitete sie nach seiner Weise. Daß er vorHauptmann und andern die soziale Frage in seinen „Arbeitern (1877)behandelt hatte, rühmte er sich mit Stolz nach; auch sein „GeroldWendel" (1885), ein Zeitbild aus dem Bauernkrieg, bringt ihn mitdem Dichter des „Florian Geyer" wenigstens in stoffliche Parallele.In der Zeit des Sozialistengesetzes war diese Stoffwahl schon einBeweis von Selbständigkeit, obgleich er gewiß nicht zu den Um-stürzlern gehörte und als Dichter gewohnt war, sich auf Hoftheaterngespielt zu sehen. Und in diesem höfischen Milieu hatte auch ersein Zensurerlebnis.

1885 erschien sein Schauspiel „Eine neue Welt", das in der Heim-kehr des Kolumbus von der Entdeckung Amerikas gipfelt und als wirk-samsten dramatischen Hebel die Inquisition benutzt. Epigonenliteratur,mehr nicht; Reminiszenzen an Schiller drängen sich allenthalben auf;auch Gutzkows „Uriel Acosta" hat dabei Pate gestanden; MaximilianHarden fand das schon heraus: „Man wandelt nicht ungestraft durchdie Dramaturgie der Klassiker und Nachklassiker" („Gegenwart",1890 Nr. 50). Aber ein Dichter wie Detlev v. Liliencron, unkritischmit Begeisterung, zollte dem Verfasser der „Neuen Welt" wegen dereigentümlichen Zeichnung des Kolumbus ehrliche Bewunderung.

Die Zeit, Mitte der achtziger Jahre, war einem Inquisitionsdramaso ungünstig wie möglich. Der „Kulturkampf" in Preußen war be-endet, begangene Fehler sollten durch zärtlichste Vorsicht wiedergutgemacht werden. Der Aufführung der „Neuen Welt" traten diegleichen Hindernisse entgegen, die Schillers „Don Carlos" von jeher