103Nachtrag.bis zum Anbruch des Morgens, und ist der Wirth, bei dem dieJunggesellen für das kommende Jahr ihre Kneipsitzungen haltenwollen, dann verpflichtet, ihnen zur Restauration einen gutenKaffe vorzusetzen. Des Morgens sieht man der verschlafenenGeſichter genug „op der Spöl“ (unter dem Kirchthurm) ſich andie Wände anlehnen.Ein noch vielfach üblicher Gebrauch ist das Gericht der Mai-nacht. Wehe dem Mädchen, das an der Thürschwelle, über derThür oder oben an der First des Hauſes einen geknickten Tan-nen= oder Erlenzweig findet.St. Nicolaabend ist das Fest für die Kinder. St. Nicolain Bischofstracht wandert dann mit Knecht Ruprecht von Hauszu Haus, Knecht Ruprecht mit den eisernen Ketten und der Bi-schof mit der Schelle in der Hand, die das Zeichen dazu gibt,daß die Kinder auf die Knie fallen und beten. Dem Pathenoder der Pathin wird darauf ein rein gewaschener „Blotsch“ oderHolzschuh gebracht, und wenn des Morgens sich die Geschenkein demselben vorfinden, rufen die Kinder jubelnd aus: „Clöskenhät jet drin gerit (geritten)“.Unter den Spielen ist noch zu nennen das Mühlbrettspiel,welches „Ninökeln“ (wahrscheinlich von den neun „nigen“ Stei-nen, die dabei gebraucht wurden; so heißt es im altniederländ-schen neghenstecken) oder „Möhle schuven (schieben)“ genanntwird. Das Schaukeln trägt den Namen „Schuren“, daher„Schurschockel“. Das Bügelspiel, bei welchem auf ebener Bahneine Kugel durch einen eisernen Ring geschleudert wird, hat vondiesem Ring, der im Niederländischen boghel heißt, seine Benen-nung. Eine von diesem Spiele abgeleitete bildliche Redensartlautet „freesch duhr den Bügel scheten“, so viel als offen undehrlich die Wahrheit ſagen.Von sonstigen Sprichwörtern und Redensarten sei noch er-wähnt: 1. „Riike Lühd Kenger en ärm Lühd Hout, Sin gaugruht“. Reicher Leute Kinder und armer Leute Holz sind baldgroß genug. 2. „De kusch Rüme schloon (Reime machen), äshätts d'et all die Leeve gedoon“. 3. Sei luhen en et Hongert(sie schreien ins Hundert, d. h. prahlen), äs Jan en der Bon-gert“. 4. „Ich blief seggen“ ist eine gewöhnliche Redensart für„Ich beharre bei meiner Aussage“. 5. „Dat geht över derSchrom“, das geht über den Strich, ſo viel als: das iſt zu viel.6. Um ein Weniges zu bezeichnen, sagt man „e Pingken“, „ekiet“, „e wenigskes“ oder „e witschkes“, 7. Der Blutegel ist„en Suugälster“ oder „en Striepnagel“. 8. Für „nachher, spä-finden sich mehrere Wörter „scheier“, „stroaken“, „schlehsoder „ſchlärs“. 9. „De Bölt“ oder „de Tent“ iſt ein altes
Druckschrift
Aus dem alten Viersen : ein Beitrag zur Culturgeschichte des Niederrheines ; nach den Quellen des Viersener Stadt-Archivs
Seite
103
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten