100Aus dem alten Viersen.Handarbeiten verrichteten, und welches von Niemand anders be-nutzt werden durfte.Unter den weiblichen Kleidungsstücken trägt der Unterrockden sonderbaren Namen die „Siel“, Seele. Weil nämlich derUnterrock ohne Leib, ohne Leibchen ist, theilt er mit der Seeledas Leiblose. Die in den Holzschuhen über den Strümpfen ge-tragenen Socken aus einer Art Filz nennt man „Kosen“ (niederl.Kusen, franz. chausse), während „Hosen“ (mit kurzem o) jedeBeinbekleidung, also auch die Strümpfe bezeichneten und nochbezeichnen. Welches der Unterschied zwischen „Schörs“ und„Schotteldoeck“ (Vrgl. Seite 11) geweſen, vermag ich nicht an-zugeben, da „Schotteldoeck“ und „Scholick“ noch jetzt ebenfallsdie Schürze bezeichnen. Die Weste heißt „Römken“ (Rümpfchen).Unter den Kinderspielen trägt das Purzelbaumschlagen dieNamen „Bömke pooten“ (Bäumchen pflanzen) oder „Kühlaschschlon“. Hatte sich ein Kind beim Spielen wehe gethan, so be-schwichteten und trösteten es seine Kameraden mit den Worten:„Wart, wir wollen den Henneprester holen“. Dann war allerSchmerz vorüber. Bei einem Tausche oder Verkaufe sieht mandie Kinder zuweilen zum Zeichen, daß sie ihr Wort halten wol-len, das Kreuzzeichen schlagen.Das Weinen trägt nach den verschiedenen dabei vernehm-baren Naturlauten verschiedene Namen, entweder „Zimpen“„Krischen“ oder „Gronken“. Unter den Krankheiten sind nament-lich zu erwähnen der „ruhen Honk“, der rothe Hund oder dieRötheln, „et Freesen“ oder das Fieber. Kinder von gutem Ge-dächtniß sind „foaß van Kopp“ und kluge nennt man sowohl beiden Knaben als auch bei den Mädchen „e klook Kallke“, ein klugesKerlchen. Der brave Viersener hält auch bei seinen Kindern aufdie Beobachtung des Sprichwortes: „Geen Bähne (kein Betenschadt, geen Flooke badt“. Betet der Viersener aus einem Ge-betbuche, so „liert he en et Mößbook“.„Op twie Fööten te goen“ oder „eelätzig te blieven“, d. h.unverheirathet zu bleiben, gehört nicht zu den Passionen der Vier-sener Junggesellen. Nach der Anmeldung im Pfarrhaus oderder „Wehm“ (die Kaplanei heißt „Kaplons Wehmke“) wird amTage der ersten Verkündigung „et Letschdröpken“, das Abschieds-tröpfchen getrunken. Für Heirathen findet sich auch der Ausdruck„beſtaden“ oder „beſtaan“. So ſagt das Sprüchwort: „Be-staden deet gaden (munden, nützen): Wä et net en deet, hett etminste Leed (geringste Leid)“.Wenn die Wöchnerin (Krohmfrau) ausgesegnet worden (terKrohmkerke goen) ist, wird den „te Hoop“ kommenden Nachbarnund Nachbarinnen „Fuselsprenk“, ein Brei von Branntwein undPfefferkuchen vorgesetzt.
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Aus dem alten Viersen : ein Beitrag zur Culturgeschichte des Niederrheines ; nach den Quellen des Viersener Stadt-Archivs
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