44Aus dem alten Piersen.Wenn auch einzelne Leinweber ihre Fabrikate direct ohneVermittelung des Kaufmannstandes namentlich nach Holland schick-ten oder an durchziehende Händler verkauften, und wenn auch dieden Export vermittelnden Geschäftsleute zuweilen selbst dem Weberstand entweder angehörten oder von demselben herstammten, sowäre es doch ein sehr großer, von Unkenntniß der damaligen Ver-hältnisse zeugender Irrthum, den Unterschied zwischen den heutigenund den ehemaligen Arbeiterverhältnissen als einen großen anneh-men zu wollen. Die Mehrzahl der Leinweber arbeitete für Rech-nung der Händler. So finden wir im Jahre 1709 eine Commissionvon Leinenhändlern, die eigens dazu eingesetzt worden, bei Strei-tigkeiten zwischen Webern und Kaufleuten über die Qualität desgelieferten Stückes zu entscheiden. Entschied die Commission, daßdie Stulpe „niet leverbar ende coopmans goedt“ sei, so hatte derWeber den Schaden zu tragen. Der Streit zwischen Capital undArbeit ist eben älter als die Zeit, in welcher man wissenschaftlichdie Sache in die Hand nahm und Theorien aufstellte, und es istein thörichter Gedanke sich auf die „gute, alte“ Zeit zu berufen.Verhältnisse, denen natürliche Gesetze zu Grunde liegen, die nur imGeiste der Humanität ihre Correctur finden, können in alter Zeitnicht anders als in der Gegenwart gestaltet gewesen sein.Ueber die sociale Stellung der Leinweber sowie der späterenSammtbandweber klärt uns ihre Betheiligung am Grundbesitzeinigermaßen auf. Ich habe die betreffenden statistischen Angabenaus dem Jahre 1791 vor mir liegen. Darnach existirten in je-nem Jahre im Dorf dreizehn Leinweber ohne Grundbesitz, wäh-rend einer dreißig und ein zweiter drei Morgen mit dem ent-sprechenden Viehstande besaß. Einundzwanzig Lindwirker werdenaufgeführt, sämmtlich ohne Grundbesitz. Im Rintgen kamen aufeinundzwanzig ackerlose Leinweber drei mit 3 ¼ bis ½ Morgen,auf sechsundzwanzig Lindwirker ohne liegendes Eigenthum viermit 24, 7, 13 ½,2 Morgen. Auf den äußeren Sectionen wa-ren die Verhältnisse günstiger, doch ist dabei nicht zu übersehen,daß bei diesen statistischen Angaben auch diejenigen größerenBauern, die sich im Winter mit der Weberei beschäftigten, derSteuern wegen zu den Webern gerechnet werden. Auf Hoserund Bockert existirten bei zwanzig ackerlosen Webern sechszehnmit 25 bis 2 Morgen. Im Rahser kamen auf sechs Leinweberohne eigenes Land sechs mit 7 bis 3 Morgen und acht Lindwirkerauf einen mit 3½ Morgen. In den letzten achtzig Jahren wirdalso, wenn wir diese Zahlen mit unseren heutigen Verhältnissenvergleichen, von einem Herabsinken unseres Weberstandes zu einembesitzlosen Arbeiterproletariat nicht gesprochen werden können, wieüberhaupt die socialistische Phraseologie in der geschichtlichen Sta-tistik einen ihrer mächtigsten Gegner findet.
Druckschrift
Aus dem alten Viersen : ein Beitrag zur Culturgeschichte des Niederrheines ; nach den Quellen des Viersener Stadt-Archivs
Seite
44
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten