Industrie.Ist es schon schwer, den Beginn der hiesigen Leinenindustrie zufixiren, den Endpunkt aufzufinden ist nicht viel leichter. Da die ein-zelnen Familien den Erwerbszweig mit einem neuen, der Band=, Sam-met= und Seidenfabrikation, die eine früher, die andere später, ver-tauschten, so ist auf die mündlichen Traditionen und die von einanderabweichenden Erzählungen der jetzt lebenden Generation nicht vielzu geben; wir sind einfach auf die sehr dürftigen Acten angewie-sen. Aus anderwärts angegebenen Gründen traten mit dem Be-ginne des letzten Viertels des vorigen Jahrhunderts bereits hef-tige Schwankungen in der Leinenfabrikation ein, und die monat-lichen „Tydingsberichte“ der Viersener Gemeindeverwaltung nachGeldern klagten beständig über „het slechte Commercium ende Af-nehmen der Linenfabricquen“. Anfangs des neunzehnten Jahr-hunderts besserte sich das Geschäft. 1807 beschäftigte DieterichPreyer 1200, Peter Preyer 900, Joh. David Goeters 800, Ge-brüder Berger 800, Kauwertz & Cie. 600, Hermann Dohr 400Arbeiter mit einem Gesammtumsatz von 365,000 Franken, eineAngabe, die unglaublich schiene, wenn sie nicht einer amtlichenStatistik entnommen wäre. 1806 meldeten sich die GebrüderBerger zur Beschickung der Pariser Ausstellung an. 1809 be-schäftigte sich nach dem Berichte des Maire Paul Preyer vom 29.August noch der größere Theil der Einwohner mit der Leinenfabrika-tion, und nach dem Berichte vom 21. Juli 1811 waren noch 33Hektaren mit Flachs bebaut, deren Ertrag, ungefähr 12500 Kilo-gramm, sämmtlich in der Gemeinde verarbeitet wurde. Mit 1812werden die Klagen über das Ruhen der Leinenwebstühle in denBerichten häufiger, das Viersener Stulpenleinen sank und mußtebald vor dem Bielefelder den Platz räumen.Das Viertel Flachssamen kostete 1785 einen Reichsthaler.Der gewonnene Flachs wurde mit „Steen“ berechnet, und wurdeper Steen mit 5½ bis 6 Schilling bezahlt. Ein Steen betrugungefähr 2½ Kilogramm. Die Hechelerinnen erhielten für denSteen vier Stüber, die Spinnerinnen pro Steen fünfzehn Stüber.Die Stellung der Weberlehrlinge war sehr verschieden, bald fin-den wir ein Lehrgeld von acht, neun Reichsthalern, bald (beieiner zweijährigen Lehrzeit) erhält der Lehrling im ersten Jahrein Drittel des gewöhnlichen Gesellenlohnes und ein paar StüberTrinkgeld, und im zweiten Jahr die Hälfte des Lohnes. DiePreiſe der Stulpen nahmen mit der Zeit bedeutend zu. Wäh-rend der Durchschnittspreis für ein Stück im siebzehnten Jahr-hundert achtzehn Thaler betrug und man die Elle ungebleichtenLeinens auf zehn brabanter Stüber taxirte, berechnete man umder Stulpen mit achtundzwanzig1750 den Durchschnittspreisman deren um dieſelbe Zeit auchReichsthaler. Doch fabricirtezu drei Pistolen oder ungefähr fünfzehn Reichsthaler.
Druckschrift
Aus dem alten Viersen : ein Beitrag zur Culturgeschichte des Niederrheines ; nach den Quellen des Viersener Stadt-Archivs
Seite
43
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten