Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
751
Einzelbild herunterladen
 

Gewässer hineingegangen war. Er war im Begriffe, darin zuverschwinden, als der Knecht sich ihm nachwarf und ihn ansUfer brachte. Während man ihn nach dem Hof zurückführte,erging er sich wiederholt über die Kälte des Weihers undfügte hinzu, es sei sehr schwer, sich in einem Wasser zuertränken, in dem man oft gebadet und geschwommen habe.

Er hatte das aber im Klammerweiher niemals, sondern nur inseinem heimischen Gegenstück, der Kuhmulde, als Knabe ge-tan.

Nach meiner Ahnung, die fast der Gewissheit gleichkommt,stand hinter seinem vereitelten Fluchtversuch auch einemystische Rettungsidee, die der älteren Theologie, namentlichdem frühen Protestantismus wohlvertraut war: die Annahmenämlich, dass Teufelsbeschwörer allenfalls ihre Seele zu ret-ten vermöchten, indem sie "den Leib darangäben". Wahrschein-lich handelte Adrian unter anderem nach diesem Gedanken, undob man recht tat, ihn nicht zu Ende handeln zu lassen, weissGott allein. Nicht alles, was im Wahnsinn geschieht, istdarum durchaus zu verhindern, und die Pflicht zur Lebenserhal-tung wurde hier kaum in irgend eines Menschen Interesse er-füllt, als in dem der Mutter, - da eine solche es zweifellosvorzieht, einen unmündigen Sohn wieder zu finden, als einentoten.

Sie kam, Jonathan Leverkühns braunäugige Witwe im weissenund straffen Scheitel, entschlossen, ihr verirrtes Kind indie Kindheit zurückzuholen. Beim Wiedersehen lag Adrianlange bebend an der Brust der Frau, die er Mutter und Dunannte, da er die andere hier, die sich fern hielt, Mutterund Sie genannt, und sie sprach ihm zu mit ihrer immer nochmelodischen Stimme, der sie ihr Leben lang das Singen ver-wehrt hatte. Während der Reise aber, nach Norden ins Mittel-deutsche, auf welcher glücklicherweise der Adrian bekannteWärter aus München die Beiden begleitete, kam es ohne erkenn-

751