Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
675
Einzelbild herunterladen
 

überlassen haben und ihm nun endgültig abgetreten hatte.

Adrian konnte sicher sein, dass Elsbeth Leverkühn diesen Hin-gang mit der gleichen stillen Gefasstheit, demselben verstän-digen Willigen ins Menschliche hinnahm, wie Mutter Schwei-gestill. An eine Fahrt ins Sächsisch-Thüringische zum Be-gräbnis war bei seinem damaligen Zustand nicht zu denken.

Aber obgleich er an dem Sonntage fieberte und sich sehr schwachfühlte, bestand er, gegen die Abmahnung des Doktors darauf,an der aus der ganzen Umgegend stark besuchten Bestattungs-feier für seinen Wirt in der Dorfkirche von Pfeifferingteilzunehmen. Auch ich erwies dem Verblichenen die letzteEhre, mit dem Gefühl, sie zugleich jenem anderen zu erwei-sen, und zu Fuss kehrten wir mit einander nach Haus Schwei-gestill zurück, eigentümlich berührt von der doch so wenigwunderbaren Tfahrnehmung, dass trotz dem Verschwinden desAlten das knastrige Arom seiner Pfeife, aus der offenstehen-den Wohnstube hervordringend, aber auch wohl die Wände desGanges tief imprägnierend, nach wie vor die Atmosphäreschwängerte.

- Das hält vor, sagte Adrian. - Eine ganze Weile; viel-leicht so lange das Haus steht. Es hält auch in Buchei vor.

Die Weile unseres Vorhaltens nachher, ein bisschen kürzer,ein bisschen länger, nennt man Unsterblichkeit.

Es war nach Weihnachten, - das Fest hatten beide Väter,halb abgewandt schon, halb schon entfremdet dem Irdischen,noch mit den Ihren verbracht. Wie nun das Licht wuchs, schonin der Frühe des neuen Jahres, besserte sich Zusehens AdriansBefinden, die Serie niederhaltender Krankheitsquälereien rissab, seelisch schien er das Scheitern seiner Lebenspläne undwas an erschütternder Einbusse damit verbunden gewesen war,überkommen zu haben, sein Geist erstand, - er mochte nunMühe haben, seine Besonnenheit im Sturm andringender Ideenzu wahren, und dieses Jahr 1927 wurde das Jahr des kammermusi-

675