Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
609
Einzelbild herunterladen
 

%

sie mit Lächeln aufnehmen werde*

Ich kann an das hybride Erzeugnis nicht denken, ohne micheines Gesprächs zu erinnern, dessen Schauplatz die Wohnungdes Fabrikanten Bullinger in der Widenmayer-Strasse zu Münchenwar: die Beletage des von ihm erbauten herrschaftlichen Miets-hauses, unter deren Fenstern, in wohl reguliertem Bett, dieIsar ihr unverdorbenes Bergwasserrauschen betrieb. Man hattebei dem reichen Mann um 7 Uhr zu etwa fünfzehn Gedeckendiniert: Er führte mit Hilfe eines geschulten Personals undunter dem Vorsitz einer Hausdame von gezierten Sitten, diegeheiratet zu werden wünschte, ein gastfreies Haus, und meistmachten Leute der Finanz- und Geschäftswelt seine Gesell-schaft aus. Aber man weiss ja, dass er es liebte, sichschwadronierend ins geistige Leben zu mischen, und so gabes in seinen konfortablen Räumen auch Abende, zu denen künst-lerische und gelehrte Elemente sich zusammenfanden, - nie-mand, auch ich nicht, wie ich gestehe, sah einen Grund, diekulinarischen Annehmlichkeiten seiner Empfänge und den ele-ganten Rahmen zu verschmähen, den seine Salons für eine anre-gende Unterhaltung boten.

Dieses Mal waren Jeanette Scheurl, Herr und Frau Knöterich,Schildknapp, Rudi Schwerdtfeger, Zink und Spengler, der Numis-matiker Kranich, der Verleger Radbruch und Gattin, die Schau-spielerin Zwitscher, die Lustspiel-Autorin aus der Bukowina,Binder Majoresku mit Namen, dazu ich und meine liebe Frauzugegen; aber auch Adrian war gekommen: auf gutes Zureden,dessen ausser mir auch Schildknapp und Schwerdtfeger sichbefleissigt hatten. Ich untersuche nicht, wessen Bitte denAusschlag gegeben hatte und bilde mir keinesfalls ein, dasses die meine gewesen war. Da er mit Jeanetten zu Tische sass,deren Nähe ihm immer wohltätig war, und da auch sonst ver-traute Gesichter ihn umgaben, so schien er seine Nachgiebig-keit nicht zu bereuen, sondern sich während der drei Stunden

609