Druckschrift 
Doktor Faustus : das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde
Seite
262
Einzelbild herunterladen
 

jammervolles Erbarmen ist mit diesem unseligen Volk, undwenn ich an seine Erhebung und blinde Inbrunst, den Aufstand,den Aufbruch, Ausbruch und Umbruch, den vermeintlich reinigen-den Neubeginn, die völkische Wiedergeburt von vor zehn Jahrendenke, diesen scheinbar heiligen Taumel, in dem sich freilich,zum warnenden Zeichen seiner Falschheit, viel wüste Roheit,viel Schlagetot-Gemeinheit, viel schmutzige Lust am Schänden,Quälen, Erniedrigen mischte, und der, jedem Wissenden unver-kennbar, den Krieg, diesen ganzen Krieg schon in sich trug -so krampft sich mir das Herz zusammen vor der ungeheuerenInvestition an Glauben, Begeisterung, historischem Hoch-Affekt,die damals getätigt wurde und nun in einem Bankerott ohneglei-chen verpuffen soll. Nein, ich will’s nicht gewünscht haben -und hab es doch wünschen müssen - und weiss auch, dass ich’sgewünscht habe, es heute wünsche und es begrüssen werde:aus Hass auf die frevlerische Vernunftverachtung, die sündhaf-te Renitenz gegen die Wahrheit, den ordinär schwelgerischenKult eines Hintertreppenmythus, die sträfliche Verwechslungdes Heruntergekommenen mit dem, was es einmal war, den schmie-renhaften Missbrauch und elenden Ausverkauf des Alt- und Echtendes Treulich-Traulichen, des Ur-Deutschen, woraus laffen undLügner uns einen sinnberaubenden Giftfusel bereitet. DerRiesenrausch, den wir immer Rauschlüstemen uns daran tran-ken, und in dem wir durch Jahre trügerischen Hoch-Lebensein Übermass des Schmählichen verübten, - er muss bezahltsein. Womit? Ich habe das Y/ort schon genannt, in Verbin-dung mit dem VJorte "Verzwdflung" sprach ich es aus. Ich werdees nicht wiederholen. Nicht zweimal überwindet man dasGrauen, mit dem ich es dort weiter oben, unter einem bedau-erlichen Ausfahren der Buchstaben, niederschrieb.