1938
Die sich mit der Abstammung der Kulturform und mit der Entstehung der Olivenkultur befassendenFragen bewegen sich annähernd in denselben Bahnen wie die nämlichen Fragen für das Verhältnis von Wildrebeund Kulturrebe und für die Herkunft des Weinbaues (vgl. Bd. V/1, pag. 366, 368 usw.). Namentlich die Historiker,sowie besonders Theobald Fischer (Der Oelbaum. Ergänzungsheft 147 zu Petermanns Mitteilungen, 1904),haben die Anschauung vertreten, dass der Oelbaum wie jedwedes Kulturgut aus der Wiege des Menschen»geschlechtes, aus dem Oriente stammen müsse und ihre Ansicht durch sprachvergleichende oder historischeUeberlieferungen zu stützen gesucht. So wird z.B. der von Plinius genannte Fenestella als Zeuge an«geführt, dass z. Z. von Tarquinius Priscus (etwa 600 v.Chr.) weder in Italien noch in Spanien oder AfrikaOelbäume vorhanden gewesen seien. Nun ist aber der Oelbaum seit uralten Zeiten eine der allerwichtigstenKulturpflanzen, ohne den die Lebensführung der antiken Mittelmeervölker fast undenkbar erscheint und diedaher auch sehr frühzeitig sakrale Verehrung genoss. Bestünde die Ueberlieferung von Fenestella, überdessen Grundlagen wir nicht unterrichtet sind, zu Recht, so müsste man annehmen, dass die Phönizier über500 Jahre in Nordafrika und gewissen Teilen von Spanien geherrscht hätten, ohne den Baum eingeführt zuhaben. Auffallenderweise hat auch Boissier (Voyage botanique dans le midi de l'Espagne, Paris 1839/45)die Heimat des Baumes im Orient gesucht und G. Schweinfurth erklärt, der Oelbaum komme in Griechenlandnicht mehr wild vor. Die weitaus grössere Zahl von Botanikern ist aber für die Heimatberechtigung der Wild»form im ganzen Mittelmeergebiete eingetreten, so Ball und Cosson für die Atlasländer, Battandier fürAlgerien, Willkomm für die iberische Halbinsel, Caruel für Italien, Th. v. Heldreich für Griechenland,De Candolle für Palästina usw. Ueberdies haben sich in pliozänen Schichten von Mongardino bei BolognaLaubblätter feststellen lassen, so dass die zweifellose Anwesenheit des Oleasters in jener Zeit sichergestellt ist.Ein späteres Aussterben in der der mitteleuropäischen Eiszeit entsprechenden Pluvialzeit erscheint, wenn auch bisgegenwärtig keine jener Zeit angehörenden fossilen Funde gemacht worden sind, dadurch unwahrscheinlich, weileine Anzahl anderer typischer Mittelmeergewächse (z. B. die Myrte) im mediterranen Diluvium haben nachgewiesenwerden können. Wie, wann und wo die Hochzüchtung der Wildlinge in die Hand genommen wurde, wissenwir nicht. Im allgemeinen wird, und wohl mit Recht, der Oleaster als die Stammform angesehen, wenngleichTheophrast den Satz ausspricht! Ein Oleaster kann nicht zum Oelbaum werden. Das andererseits Rück»schlage der Kulturform gegen die Wildform nicht selten auftreten, beweisen zahlreiche verwilderte Kulturbäume.Wie weit aber diese Umformungen gehen, ist strittig. In Amerika, wo nur die Kulturform eingeführt wordensein soll (der Wildling vielleicht als'Pfropfunterlage ?), soll die subsp. silvestris nie entstehen. Nach O. Schrädersoll die Hochzüchtung im Orient begonnen worden sein und sich die Kultur von Osten her auf der LinieAegypten, Syrien, Kleinasien, Griechenland und dann weiter durch das ganze Mittelmeergebiet verbreitethaben. Dennoch dürfte es nicht ausgeschlossen sein, dass die Entwicklung an verschiedenen Punkten gleich,zeitig einsetzte, da die Wildform im ganzen Gebiete heimisch war und auch deren Früchte essbar sind. DieRif»Berber in Nordmarokko verwenden sie heute noch zur Bereitung eines sehr brauchbaren Speiseöles. Wild»kerne sind aus neolithischen Schichten Spaniens bekannt; diesen sehr nahestehende Formen wurden z.B. inMykene, Tiryns, im Knosospalast auf Kreta usw. festgestellt, Holz der Wildform (Bauholz, Oelpressen) in denetwa 2000 v. Chr. anzusetzenden Tuffen der Cycladeninsel Santorin aufgefunden. Im Orient sollen die Sumererden Oelbaum schon gekannt haben, hingegen nicht die Babylonier, die das Oel von der Sesampflanze (SesamumIndicum L., einer Pedaliacee; vgl. A. Tschirch, Handbuch der Pharmakognosie, 1. Abt., 1912) gewannen.In Aegypten reichen die Nachrichten nach Maspero in Texten bis in das 3. vorchristliche Jahrtausend zurück,während späterhin der Oelbaum dort häufig als ornamentale Vorlage für Vasen, Grabdenkmäler usw. diente.Der Oleander soll in diesem Gebiete aber fehlen. Das Oel wird oftmals in Rezepten (z. B. im Papyrus Ebers)erwähnt. Die Oel=Amphora ging in die Hieroglyphenschrift mit der Bedeutung von „Flüssigkeit" und »Wohl»geruch" über (Näheres vgl. F. Wo eni g, Die Pflanzen im alten Aegypten, 1897). Diese Verwendung dürfte dieAngabe von Strabo widerlegen, dass der Anbau des Oelbaumes in Aegypten gering gewesen sei. DenMumien wurden Kränze von Oelbaumzweigen um die Stirne gewunden. Uralt, aber vielleicht jünger alsdiejenige von Rhodos und Kretas, muss die Kultur auch in Syrien und Palästina gewesen sein. Die Judenfanden sie vor, als sie in das heilige Land zurückkehrten. Der Ueberlieferung nach kehrte die von Noahabgesandte Taube mit einem Oelblatt zurück. Der Baum galt dadurch als Symbol des Friedens, eine Bedeutung,die sich bis gegenwärtig erhalten hat, und des Wohlstandes. Die Oelgewinnung war so umfangreich, dass diePhönizier zur Zeit von Salomo einen Teil der als Nahrung, als Brennstoff, zum Opfern und Salben benütztenOeles ausführten. Auch das Pfropfen der Kulturform auf den Oleaster war bereits bekannt. Im griechischenKulturkreis war (entgegen V. Hehn) die Kultur bereits in der vorhomerischen Zeit bekannt (s.o.). In denhomerischen Dichtungen spielt allerdings besonders der Oleander eine grosse Rolle. Die Heimat desselbenwurde an den Alpheios in Elis verlegt. Ein uralter Baum in Olympia lieferte das Laub für die Siegerkränze;die Axt des Peisandros besass einen aus Oleanderholz gefertigten Stiel usw. (vgl. Th. Fischer [I.e.],L. Reinhardt [Kulturgeschichte der Kulturpflanzen. Bd. IV/1, 1911] u. a.). Daneben beweist aber eine Stelle