316 ZUR GESCHICHTE DER VERGIFTUNG USW.
Enkel Konstantin des Großen, der vor Antritt seiner nurkurzen Regierung (361—363 n. Chr.) jahrelang StatthalterGalliens gewesen war, erzählt nämlich folgendes in einer jenerkulturgeschichtlich sehr interessanten Satiren, die er zu Be-ginn des Januars 363 (in griechischer Sprache) in Antiochianiederschrieb, und deshalb „Misopogon (= der Bartfeind) oderdie antiochenische Rede" betitelte: 1 „Die kleine Stadt derParisier, die die Kelten Lutetia nennen, bildet ein Inselchenin dem Flusse, der sie rings umgibt, und über den hölzerneBrücken beiderseits hinüberführen. Der Winter ist dort meistensungewöhnlich milde, wie man glaubt, wegen der Wärme desnahen Ozeans, daher wächst daselbst guter Wein, ja mankann sogar Feigenbäume ziehen, wenn man sie in der rauhenJahreszeit, wie zur Bekleidung, mit Weizenstroh oder der-gleichen umwickelt; in jenem Jahre aber war der Winterstrenger als sonst, auf dem Flusse trieb etwas hinab, wasPlatten phrygischen Marmors glich, diese Platten folgten dichtgedrängt aufeinander, sie stauten sich, und begannen einenatürliche Brücke zu bilden. Obwohl nun die meisten Woh-nungen durch Kamine erwärmt werden können, und auch diemeinige hierzu ganz gut eingerichtet war, ließ ich dennochmein Schlafzimmer nicht heizen, da ich wenig empfindlichbin und mich weiter abhärten wollte; als aber der Winteranhielt und immer härter wurde, da wagte ich nicht mehr zuheizen, aus Scheu, die in den Mauern enthaltene Feuchtigkeitmöchte in Fluß geraten, vielmehr ließ ich mir nur ein aus-brennendes Feuer mit wenigen glühenden Kohlen in dasZimmer bringen. So wenige es jedoch waren, so lockten siedoch aus dem Mauerwerk eine solche Menge Ausdünstungenhervor, daß ich den Kopf wie eingenommen fühlte, schlaf-trunken wurde, zu ersticken fürchtete, und mich aus demZimmer hinaustragen lassen mußte; die Ärzte riethen mir ein
1 Der sehr weitläufige Text ist im nachstehenden tunlichst abgekürztworden.