Druckschrift 
[1] (1906)
Entstehung
Seite
506
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

506 GEDÄCHTNISREDE ZUM300JÄHR. GEBURTSTAGE DESCARTES'

Prinzip des Lebens, und so lange sie andauert, zeigt sich auchdie Maschinerie des tierischen Leibes wie des menschlichenKörpers belebt, während ihr Stillstehen sogleich den Tod, unddurch diesen beim Tiere das Aufhören des Belebtseins, beimMenschen aber auch noch das des Beseeltseins bewirkt. DemGehirn fällt bei der Blutzirkulation die Aufgabe zu, das kreisendeBlut abzukühlen, ihm seine feinsten und flüchtigsten Teile, dieLebensgeister, zu entziehen, und diese in ihre Behälter, dieNerven, zu verteilen, deren wichtigste in der Zirbeldrüse zu-sammenlaufen, und indirekt auch mit allen übrigen in Ver-bindung stehen; da das Blut dem Gehirne sämtliche Lebens-geister unaufhörlich zuführt, so wird die Zirbeldrüse zumnatürlichen Mittelpunkte aller von außen kommenden Eindrücke,sowie zum Ausgangspunkte aller nach außen zu übermittelndenBewegungen, die die Nerven auf die ihnen zugehörigen Muskel-systeme übertragen; ohne weiteres leuchtet auch ihre wichtigeRolle für die Entstehung der sogenannten Reflexbewegungenein, deren Descartes zahlreiche sorgfältig beobachtet, und ihremWesen nach auch richtig aufgefaßt hat.

Wie diese Darlegungen erkennen lassen, blieb Descartesnach vielen Richtungen, z. B. hinsichtlich der Annahme großerTemperaturverschiedenheiten der einzelnen Teile des Körpers,in fehlerhaften, seit dem Altertume her fortgeerbten Anschauungenbefangen, während er sich nach anderen wieder hoch über dieseerhob, z. B. in seinem zum Teile höchst merkwürdigen und derZeit weit vorauseilenden entwickelungsgeschichtlichen Betrach-tungen.

Als Erster entdeckte Descartes die Bedeutung der Wölbungder Kristalllinse für die Akkommodationstätigkeit des Auges,und jedenfalls selbständig auch die Entstehung der physischenBilder gesehener Objekte auf der Retina. Er behandelte fernerdas Problem des Aufrechtsehens der auf der Retina verkehrterscheinenden Bilder, sowie das des Einfachsehens; die Ver-einigung der in beiden Augen getrennt entstehenden Bilder