354 LIONARDO DA VINCI ALS GELEHRTER UND TECHNIKER
körperlichen Sehens erkannte, d. h. des Sehens unter Hinzu-fügung der im einzelnen Bilde nicht enthaltenen Tiefen-dimensionen. Da Lionardo auch das Aufrechtsehen des aufder Netzhaut verkehrt erscheinenden Bildes, sowie das Einfach-sehen der in zwei Augen wiedergespiegelten Gegenstände alsphysiologische Akte erklärte, da er die Dauer der Eindrückeim Auge sowie die Phänomene der Irradiation und der Nach-bilder einer näheren Prüfung unterwarf, und endlich auch Ver-suche über die subjektiven Farben und die Gesetze ihrerReihenfolge anstellte, so darf er mit vollem Rechte als Be-gründer der physiologischen Optik bezeichnet werden. — Vonden physiologischen Farben ausgehend, gelangte Lionardozu seiner Farbenlehre und zur Deutung der farbigen Schatten,sowie der Bläue des Himmels; über die „Gesetze des Lichtesund Schattens" verfaßte er eine eigene Abhandlung, aus derer wohl manches in das „Buch von der Malerei" herübernahm.Dieses Buch entwickelt u. a. die Regeln der Licht- und Schatten-gebung, die Theorie der linearen und der Luftperspektive, so-wie die Gesetze der Verkürzung, mit unübertrefflicher Klarheitund Anschaulichkeit, und kann in künstlerischer Hinsicht nochheute ebenso als Fundamentalwerk gelten wie zu Zeiten Cor-reggios, der es „seinen besten und zuverlässigsten Lehrer"nannte; Lionardo selbst erklärte die Lehre von der Perspektivefür „die Wurzel der ganzen Malerei", vermöge derer das Auge,„dieses Fenster der Seele", erst „zum zweiten Male, aber nunwahrhaft und untrüglich, zu sehen erlerne".
Besondere Vorliebe besaß Lionardo für die eigentlichereine Mechanik, die er „das Paradies der mathematischenWissenschaften" zu nennen pflegte, und deren sämtliche Haupt-zweige er, nicht nur von statischen, sondern, — als Erster —,auch von dynamischen Gesichtspunkten aus, neuen und origi-nellen Betrachtungen unterwarf.
Ursache aller Bewegungen ist allein ein Aufwand vonKraft, die selbst unsichtbar und unkörperlich ist, jedoch, in ge-