330 ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS
operationibus" 1 zuerst klar ausspricht, „der diabetische Harnsei von wunderbarer Süßigkeit, gleichsam wie von Honig oderZucker durchtränkt". Auffälligerweise zieht jedoch Willis nichtden naheliegenden Schluß, daß der »reichliche Rückstand" deseingedickten diabetischen Harnes zuckeriger Natur sei, er schreibtvielmehr seinen süßen Geschmack einer eigentümlichen Ver-änderung der „Salze" durch „schwefelartige Teilchen" zu; zu-folge einer Reaktion zwischen den verschiedenen salzigen Be-standteilen des Blutserums soll nämlich, unter Abstoßung jener„Teilchen", die für Diabetes charakteristische Zersetzung undVerflüssigung des Blutes eintreten, wobei physische und psy-chische Depressionen, zuweilen aber auch eine gesteigerte Durch-lässigkeit der Nieren fördernd wirken. 2
Indessen verwarfen Zeitgenossen und Nachfolger Willis'nicht nur diese iatro-chemische Erklärung, sondern (mitrühmlicher Ausnahme des oben erwähnten Mead und einigeranderer Forscher) unglaublicherweise auch seine Beobachtungselbst, deren Richtigkeit sie leugneten, weil es undenkbar sei,daß anderen Falles die antike und arabische Schule über siegeschwiegen hätten. So verstrich denn noch ein volles Jahr-hundert, bis endlich 1776 der englische Arzt Dobson denentscheidenden Schritt tat: in seinen „Medizinischen Unter-suchungen" stellte er fest, daß der Harn aller Diabetiker süßenGeschmack zeige und bei vorsichtigem Eindampfen stets einesüße, weiße Masse vom nämlichen Geschmacke wie Kolonial-zucker hinterlasse, also Zucker enthalte, und demgemäß fähigsei, in alkoholische und Essig-Gärung überzugehen; aus demsüßen Geschmacke des Blutserums der Diabetiker folgerteDobson, daß der Zucker (wenngleich er ihn aus dem Serumvergeblich zu isolieren suchte) keinesfalls erst in der Niere ent-
1 „Opera omnia" (Genf 1676); Hb. IV, cap. 3.
2 Nach Hirsch (a.a.O. S. 491) stellte Willis u. a. auch zuerst dieTheorie auf, jede Gärung beruhe auf Übertragung eines Bewegungszustandesvom Erreger auf das Substrat.