ZUR GESCHICHTE DES DIABETISCHEN ZUCKERS 327
spruchslos beherrschte, und namentlich bei der so wichtigenund einflußreichen arabischen Schule die Autorität des Aristo-teles besaß, d. h. als eine Art unfehlbaren Halbgottes verehrtwurde. Seine Behauptung, Diabetes beruhe auf einer Erkrankungder Nieren, zufolge derer das Getränk den Körper einfachdurchfließe (daher »Diabetes" von (haßaCvw) und als Harn un-verändert wieder verlasse, blieb daher über 1500 Jahre in souneingeschränkter Geltung, daß z. B. selbst um 1750 der be-deutendste Praktiker Englands, Mead (1673 bis 1754), 1 nichteinmal eine Diskussion seiner neuen Theorie, Diabetes sei eineKrankheit der Leber, zu veranlassen vermochte! Wie Galenos,so schweigt daher auch seine gesamte ost- und westeuropäischeSchule über die Süßigkeit des diabetischen Harnes, was um somehr Wunder nehmen muß, als der Harn viele Jahrhundertelang das wichtigste, ja vielfach das ausschließliche diagnostischeMaterial bildete und seine Prüfung, das sogenannte »Harn-beschauen", die wesentlichste Funktion zahlreicher Ärzte aus-machte, so daß z. B. noch Shakespeare »Harnmonarch" und„Arzt" als identisch setzt; daß die Süßigkeit wirklich niemalsbeobachtet worden sei, erscheint fast unglaublich, viel eherdürfte die Annahme zutreffen, man habe in solchen Fällen, derAutorität des Galenos folgend, den Genuß zuckerhaltigerGetränke als selbstverständlich vorausgesetzt, woraufhin sichdann freilich jede weitere Nachforschung als überflüssig ergab.
Merkwürdigerweise findet sich nun eine frühzeitige, ganzunzweideutige und ohne Anspruch auf Neuheit auftretende Be-merkung über die Süßigkeit des diabetischen Harnes an mehrerenStellen eines medizinischen Werkes, das dem indischen ArzteSusruta zugeschrieben wird. 2 Angesichts jenes völligen Mangels
1 «Opera medica" (Göttingen 1748); siehe über ihn und die weiterunten genannten Ärzte: Haeser, „Lehrbuch der Geschichte der Medizin"(Jena 1875/82) und Hirsch, „Geschichte der medizinischen Wissenschaft inDeutschland" (München 1893).
2 Lateinische Übersetzung von Hessler (Erlangen 1844/52; I, S. 46und 183; II, S. 105.