EIN „ANGEWANDTER« CHEMIKER DES 18. JAHRHUNDERTS 295
denen sich noch so manche minder bedeutsame anreihen, sodarf die Zahl und Wichtigkeit seiner Entdeckungen, sowohlwas neue Bestandteile, als auch was neue Reaktionenanbelangt, als eine wahrhaft erstaunliche bezeichnet werden.Wir haben festzuhalten, daß Marggraf es war, der zuerst auf»Sorgfalt und Reinheit der Arbeit" den größten Wertlegte, — es sei nur an seine Benutzung des destilliertenWassers erinnert —, der die Berücksichtigung des kristallo-graphischen Aussehens der Präparate und deren Prüfungdurch das Mikroskop in die chemische Forschung einführte,der niemals die quantitativen Verhältnisse aus dem Augeließ, — bestimmte er doch, wieviel Chlorsilber eine gewisseMenge Silber liefert, wieviel Zinn die Säuren lösen, wievielSalze die Wässer enthalten —, der den Übergang der Salzeaus dem Erdboden in die Pflanzen und von da in dentierischen und menschlichen Körper lehrte, der den Ein-fluß der Zeit auf anorganischem Gebiete (Bildung der Mine-ralien) wie auf organischem (schleichende Vergiftungen) klarzu würdigen wußte, der die Notwendigkeit löslicher Salzefür die Gärung erkannte, die Urzeugung von Tieren ausfaulenden Pflanzenresten leugnete, und das ganze scholastischeRüstzeug der „qualitates occultae" als „asylum ignorantiae"mit Entschiedenheit verwarf. Bleiben wir endlich der groß-artigen technischen Bedeutung der Marggrafschen For-schungen eingedenk, über die der Herausgeber seiner Schriften,Lehmann, mit Recht in der Vorrede sagt: „Mit diesen Ab-handlungen wird selbst eine gewisse Art von Menschen, welchenur immer fragt, ,cui bono?', wohl befriedigt sein, wenn mandergleichen mechanischen Leuten nur ganz kurz zeigt, wasjene vor einen Einfluß in das Ökonomie- und Finanzwesenund in andere praktische Wissenschaften haben!"
Das Andenken solcher Forscher lebendig zu erhalten,ist das Geringste, womit die Nachwelt ihnen lohnen kann.