108 ALCHIMISTISCHE POESIE AUS DEM 13. JAHRHUNDERTE
^pw^aTtffoci; fAo'vov. — Diese Lehren des Aristoteles sind dieQuellen, aus denen die alte Alchemie ihre wichtigsten Theorienschöpfte, nämlich die über das Verhältnis zwischen Materie undForm, über die Umwandlung der Stoffe und die Transmutationder Metalle, über die Wirkung geringer Zusätze und die Be-deutung der Farbenveränderung u. s. w. War das Färben undTingieren von so ausschlaggebender Wirksamkeit, so erklärtsich leicht das unablässige Suchen nach kräftigen „Tinkturen"und schließlich nach der „Universaltinktur", die als „Elixir",„Magisterium", „Stein der Weisen" und dergl. eine so einfluß-reiche Rolle zu spielen berufen war; schrieb man ihr doch dasVermögen zu, an der beharrenden „Materia prima" jede be-liebige der wandelbaren und wegen dieser Flüchtigkeit auchmit den „Geistern" identifizierten „Formen" zutage treten zulassen. 1
Was die Lehre von der Entstehung der Metalle aus „Schwefel"und „Quecksilber" betrifft, — wobei jedoch vielleicht weniger andie heute so genannten Elemente zu denken ist als an die sym-bolischen Träger gewisser allgemeiner Eigenschaften —, so schriebman sie früher, ebenso wie die von den „Medizinen" (dergroßen, die Gold, der kleinen, die Silber hervorbringtu. s. f.), dem Araber Geber (um 800) zu, dessen angeblicheSchriften jedoch, soweit die früher allein benutzten lateinischenÜbersetzungen in Betracht kommen, jetzt als Machwerke einerviel späteren Zeit erkannt sind; jedenfalls haben sich aber dieKeime dieser Theorien bereits auf spätgriechischem (alexan-drinischem) Boden entwickelt und sind vielleicht schon in derpseudo-demokritischen Rezeptsammlung des „Papyrus Londi-nensis" aus dem 3. Jahrundert nachweisbar (No. 121, Absatz 1),
1 In den „Geistern" der Chemie, wie dem Weingeist, Holzgeist, Salz-geist, Salmiakgeist, Salpetergeist u. s. w., die beim Verflüchtigen die charakter-istischen Eigenschaften der betreffenden Rohstoffe mit sich fortführen, hatsich die Nachwirkung der aristotelischen Anschauung noch ebenso erhaltenwie in der populären Auffassung des Zusammenhanges zwischen „Körper"und „Geist".