DER HEILIGE AUGUSTINUS ÜBER DEN ÄTZKALK 79
sichtbare Seele dieses sichtbaren Körpers. Wie wunderbar istes nun, daß die Glut des Steines gerade dann zum Vorscheinkommt, wenn man glauben würde, sie auszulöschen, daß näm-lich beim Begießen mit Wasser, das doch sonst alles Heißeerkalten macht, eine feurige Kraft hervorbricht und das Wasserzum Sieden bringt! So völlig haucht aber hierbei der Steindie vorher verborgene Hitze aus, daß er schließlich wie toterkaltet, mit neuem Wasser begossen keine Regung mehr zeigtund deshalb nunmehr, obwohl er eigentlich »ausgebrannt" ist,doch als »gelöscht" bezeichnet wird! Was könnte man einemsolchen Wunder an die Seite stellen, wenn nicht etwa das nochgrößere, daß Öl, dieser Zunder jedes Feuers, an Stelle vonWasser angewandt, durch noch so viel Kalk nicht in Hitze odergar ins Kochen gerät? Erzählte man uns dergleichen von einemSteine des fernen Indiens, den selbst zu prüfen uns versagtbliebe, wahrlich wir würden Lügen zu hören glauben, oder wiestarr vor Staunen sein! Und doch ist die Natur der gewöhn-lichsten Gegenstände, die wir fortwährend vor Augen haben,nicht weniger rätselhaft, und nur die tägliche Gewohnheitstumpft uns ab, so daß man aus dem entlegenen Indien Wunder-dinge herbeischleppen muß, will man einmal unsere Aufmerk-samkeit erregen."
„Jene Zweifler aber, die mit ihrer geringen Vernunft allesbekritteln und betreffs aller Dinge Rechenschaft über jede Einzel-heit verlangen, mögen sie nun zunächst uns das geschilderteWunder erklären! Sollten sie aber, wie gewöhnlich, schließlichsagen, „es liege eben in der Natur des Kalkes, sich so wie an-gegeben zu verhalten", dann mögen sie auch Andere, Berufenere,ungestört lehren lassen, was in der Natur des höllischen Feuersliege, und was in der Natur der zu ewigen Qualen Verdammten."
Dem Kenner der antiken Literatur wird es leicht bemerk-lich sein, daß der heilige Augustinus die Mehrzahl der an-geführten „Tatsachen", sowie die Schilderung der „Miraculacalcis", wesentlich einigen alten Autoren entnommen hat (nament-