Blumen im Zimmer-
r ' Die Hyazinthe V */
Als der türkische Sultan Bajazld ü. im 14. Jahrhundert einKrankenhaus (wohl eigentlich ein Irrenhaus) baute, ließ er esin einem großen Garten errichten, in dem Rosen und Nelken,Narzissen und HyaziDthen, Goldlack, griechischer Moschus,Basilienkraut und viele andere wohlriechende Blumen undGewürzkräuter angepflanzt waren; die Kranken sollten sich Indiesem Garten ergehen, die Schönheit der Blumen betrachtenund zu ihrer Heilung die balsamischen Düfte einatmen. (Ins-besondere war hierbei an die Heilung Liebeskranker gedacht.) IIn Griechenland kommt die Hyazinthe neben Rosen, Veilchen, |Lilien und Narzissen schon in den Liebesromanen des 2. bis4. Jahrhunderts vor; ein römischer landwirtschaftlicher Schrift-1steller aus dem 1. Jahrhundert n Chr. verlangt, daß schnee-weiße und blaue Hyazinthen gepflanzt werden. Aber sie fehlen Iin den deutschen botanischen Schriften des Mittelalters, dennsie sind erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts von Konstan- |tinopel her zu uns gekommen. Der blumenliebende Bischofvon Eichstätt hatte sie 1617 in mehreren Sorten, sogar gefüllt-blühende, in seinem Garten; und wenig später brauchte derKatalog des damals weltberühmten Leidener Gartens mehr alszwei Seiten, um alle dort vorhandenen Sorten von Hyazinthenaufzuzählen. Am Anfang des 19. Jahrhunderts waren dieHyazinthen,* besonders die gefülltblühenden, schon so hochin der Wertschätzung der „Blumisten" gestiegen, daß Preisefür sie gezahlt wurden, die nahe an die Phantasiepreise derTulpomanie heranreichten. Holland, Paris und Berlin wurdendie westeuropäischen Zentren der Hyazinthenkultur, und nachihnen wurden die Hyazinthensorten in drei Gruppen eingeteiltDie Berliner Kulturen sind inzwischen erloschen, und in Pariswerden jetzt keine anderen Sorten mehr gezüchtet als inHolland. Mit Tulpe, Maiglöckchen, Aspaiagus, \loe undanderen beliebten Topfpflanzen gehört die Hyazinthe dergroßen Familie der Liliengewächse an. Sie alle haben eingemeinsames Merkmal; sie sind so eingerichtet, daß sie zuirgendeiner Zeit Dürre ertragen können, weil sie entwederin der Knolle (wie Hyazinthe, Lilie, Tulpe) ein Speicherorganhaben, das ihnen über die Sommerruhe hinweghilft, oder aberwie die Aloe dickfleischige saftige Blätter, oder wie der jAsparagus nur „Scheinblätter", d. h. blatt- oder nadeiförmigeZweiglein und schuppenförmige Blätter, die so gut wie keinWasser verdunsten. Einzig die bei uns einheimischen Lilien-gewächse Maiglöckchen, Szilla, Traubenhyazinthe und die Ivielen Laucharten brauchten sich in unserem Klima nicht an |trockene Zeiten anzupassen.
Für die Kultur der Hyazinthe ergeben sich wichtige Vor-schriften aus der Tatsache, daß sie in ihrer vorderasiatischen IHeimat an einen heißen, trockenen Sommer angepaßt war,der sie zum Ruhen zwang. Auch bei uns fällt ihre Blütezeitins Frühjahr, auch da, wo wir sie ins Freiland gepflanzt haben.Eine Hyazinthenknolle, die wir im Frühjahr in den Bodenlegen wollten, würde wahrscheinlich im selben Jahre garnicht austreiben. Wollen wir an Weihnachten blühendeHyazinthen haben, so graben wir die Töpfe mit den ZwiebelnAnfang Oktober 15 cm tief in die Erde ein, nehmen sie An-fang Dezember heraus und stellen sie erst in einen mäßigkühlen Raum, danach ins Zimmer — aber erst dann, wenndie Blütentraube 2—3cm mit.dem Blütenstiel aus der Zwiebelherausschaut, nicht eher, sonst „bleibt sie sitzen". Es schadetden Hyazinthen gar nichts, wenn sie draußen scharfen Frostbekommen. Wichtig ist, daß sie 6—8 Wochen eingegrabenbleiben; sie müssen ein gutes Wurtcelwerk gebildet haben,ehe sie Blätter und Blüten treiben sollen. Die Papierbii'tchen,mit denen die jungen Triebe zunächst bedeckt werden, sollendazu dienen, die Blütentraube sich rascher strecken zu lassen;sobald sie mit ihren Knospen deutlich aus den Blätternherausgewachsen ist, wird das Hütchen abgenommen.
Setzen wir die Hyazinthenzwiebel auf ein Glas, so könnenwir von Tag zu Tag ihre Entwicklung beobachten. Das Was-ser im Glas darf nicht ganz bis /um Zwiebelboden heran-reichen; das ist wichtig, denn die Zwiebel würde sonst un-vermeidlich faulen. Das Glas kommt in den kühlen unddunkeln Keller, bis wir sehen, wie die dünnen Wurzelnin kräftigem Büschel das Wasser durchziehen. Dann kommtdie Hyazinthe erst in ein ungeheiztes, dann in ein geheiztesZimmer, erst mit Hütchen, dann ohne Hütchen — ganz wiehei der Topfkultur. Das Wasser, da? die Pflanze verbraucht,muß durch lauwarmes ersetzt werden. Wir werden sehen:je größer die Blätter werden, je länger sich die Blütenährestreckt, um so mehr Wasser wird täglich verbraucht. Mitder Hyazinthe im Topf geht es natürlich gerade so: sobaldsie im warmen Zimmer steht, braucht sie täglich einen kräf-tigen Guß (auch durch die Topfwand hindurch verdunstet dasWasser), zur Zeit der Hochblüte vielleicht sogar morgens undabends. Was die Erde anbelangt, ist die Hyazinthe nicht »ehrheikel; gewöhnliche „Blumen topf erde" ist ihr recht, auchgute Gartenerde, mit etwas Sand vermischt.
Abgeblühte Hyazinthen von Gläsern müssen, weggeworfenwerden; solche im Blumentopf können wii aber in den Gartenpflanzen, wo sie in den nächsten Jahren erst bescheiden,dann schön und reich blühen werden. Die Töpfe werden zu-nächst an einen kühlen, aber frostfreien Ort gestellt, hin undwieder noch ein wenig und, wenn das Laub gelb wird, garnicht mehr gegossen; und sobald das Laub ganz abgestorbenist, werden die Zwiebeln aus dem Topf genommen und bis)zum Herbst, trocken aufbewahrt. Zum Treiben können sienicht wieder benutzt werden, denn Treibhyazinthen verlangeneine besondere Kultur und Vorbehandlung.
Es sind auch längst nicht alle Hyazinthensorten zum Trei-ben geeignet, und wir i können nicht einfach von denHyazinthen, die wir uns für den 'Garten gekauft haben, ein'paar in Töpfe stecken oder auf Gläser legen und dann aufWinterflor hoffen. Die zum Frühtreiben bestimmten holländi-schen Hyazinthen sind „präpariert", sie haben nach der Erntevier Wochen lang in einem geheizten Schuppen gelegen;durch diese bessere „Nachreife" lassen sie sich leichter trei-ben. Beim Einkauf müssen wir mehr auf Festigkeit und Ge-sundheit der Zwiebeln achten als auf ihre Größe — mancheschönen Sorten haben voh Natur kleine Zwiebeln. Und dieeinfachen sind den gefüllten vorzuziehen, denn sie blühen nichtnur leichter, sondern aüch früher. Dr. Huberta v. Bronsart.