Offizineil ist das Kraut: Herba Hyoscyami (Folia Hyoscyami) und der Same: Semen Hyoscyami.
Das Kraut niuss zur Blüthezeit gesammelt und womöglich von wildwachsenden Pflanzen genommen werden.Kultivirte Pflanzen sind nicht so wirksam und sind von letzteren die zweijährigen Blätter zu verwenden. Nach demTrocknen tritt die Blattmittelrippe stark hervor, die Blätter schrumpfen sehr zusammen, erhalten eine graugrünlicheMissfarbe und der den frischen Blättern anhaftende narkotische, widerliche Geruch ist wenig bemerkbar. Der Ge-schmack des Bilsenkrautes ist salzig, schwach bitterlich. Der Same riecht ähnlich dem Kraute und besitzt einenölig-bitterlichen Geschmack. Die niöhrenartige Wurzel ist weniger wirksam als das Kraut, riecht narkotisch undwirkt im zweiten Jahre am kräftigsten.
Verwechselungen der Blätter können stattfinden mit den kleineren, stumpflappigen, sämmtlich gestieltenBlättern von Hyosc. albus L., bei welchem ausserdem das Calciumoxalat in der Mittelschicht nicht in Einzelkrystallen,sondern in Drüsen abgelagert ist.
Präparate. Aus den Blättern und jungen blühenden Zweigen wird das Bilsenkrautextrakt:Extractum Hyoscyami , das Bilsenöl: Oleum Hyoscyami infusum (Ol. Hyosc. coctum ), die Bilsenkraut-tinktur: Tinctura Hyoscyami , die Bilsenkrautsalbe: TJnguentum Hyoscyami , das Bilsenkrautpflaster:Emplastrum Hyoscyami etc. und aus den Samen das Extractum Hyoscyami seminis gewonnen. Die Blätterverwendet man ausserdem zur Darstellung der schon unter Atropa Belladonna angeführten Cigaretaeanti- asthmaticae und die Samen bilden einen Theil der Zusammensetzung von Eniulsio Amygäalarumcomposita. Das namentlich aus den Samen gewonnene Hyoscyamin wird sowohl rein, als auch inVerbindung mit Schwefelsäure als Hyoscyaminum sulfuricum in der Arzneikunde zur Anwendung gebracht.
Bestandtheile. Alle Theile der Pflanze, vorzüglich aber die Samen, enthalten das von Geigerzuerst in rein krystallisirtem Zustande dargestellte, sehr giftige Alkaloid Hyoscyamin. Höhn fand inden Samen noch einen wachsartigen Stoff: Hyoscerin , ein bitteres Glykosid: Hyoscypikrin , ein stick-stoffhaltiges Harz: Hyoscyresin und flüchtige Basen. Nach Ladenberg sind in dem Bilsenkraut zweinicht flüchtige Alkaloide, ein krystallinisches und ein nicht krystallinisches enthalten; das letztere be-zeichnet er mit Hyoscin. Ueber Wurzel und Kraut liegen so gut wie keine Untersuchungen vor.
Anwendung. Das Bilsenkraut hat die grösste Verwandschaft zur Belladonna; seineWirkungen sind daher im Wesentlichen der Belladonna gleich. Nach Schroff wirckt das Hyoscyaminstärker auf die Pupille als das Atropin , ebenso ist reines Hyoscyamin hypnotisch bedeutend stärkerals das letztere. Die Wirkungen des Bilsenkrautes erstrecken sich hauptsächlich auf den Blutumlaufund äussern sich durch Verminderung der Pulsfrequenz. Es findet Anwendung bei krampfhaften undentzündlichen Leiden der Respirations-, Verdauungs- und Harn Werkzeuge. (Husemann, Arzneimittell. 1096.)
. Litteratur. Abbildung und Beschreibung: Nees v. Esenb., Plant, medic., Taf. 192; Hayne,Arzneigew. I., Taf. 28; Berg u. Schmidt, Offiz. Gew., XVI 1 '; Bentley u. Trim., Taf. 194; Woodville,Taf. 76; Reichenbach, Ic. Fl. Germ. 20, Taf. 2; Luerssen, Handb. d. syst. Bot. II. 986; Karsten,Deutsche Fl. 961; Wittstein, Pharmakogn. 86.
Drogen und Präparate: Herba Hyoscyami (Folia Hyoscyami)-. Ph. germ. 130; Ph. austr.(D. A.) 74; Ph. hung. 232; Ph. ross. 172; Ph. helv. 61; Cod. med. 61; Ph. belg. 45; Ph. Neerl. 129;Brit. ph. 156; Ph. dan. 115; Ph. suec. 86; Ph. U. St. 182; Flückiger, Pharmakogn. 672; Flückigerand Hanbury, Pharm. 463; Berg, Waarenk. 287.
Semen Hyoscami: Ph. hung. 233; Ph. ross. 361; Ph. helv. 117; Ph. belg. 45; Ph. dan. 209;Berg, Waarenk. 444.
Extractum Hyoscyami-. Ph. germ. 91; Ph. austr. (D. A.) 58; Ph. hung. 187; Ph. ross. 136;Ph. helv. 45; Cod. med. 437; Ph. belg. 168; Ph. Neerl. 107; Brit. ph. 120; Ph. dan. 102; Ph. suec. 76;Ph. U. St. 125, 126.
Oleum Hyoscyami infusum-. Ph. germ. 197; Ph. austr. (D. A.) 97; Ph. hung. 329; Ph. ross. 295;Ph.helv. 92 u. suppl. 77; Cod. med. 407; Ph. belg. 200; Ph. Neerl. 132; Ph. dan. 166; Ph. suec. 137.
Emplastrum Hyoscyami-. Ph. ross. 112; Ph. helv. suppl. 36; Ph. belg. 161; Ph. Neer 1.92.
Tinctura Hyoscyami : Ph. ross. 428; Ph. helv. suppl. 119; Cod. med. 679; Ph. belg. 263;Brit. ph. 333; Ph. U. St. 346.
TJnguentum Hyoscyami-. Ph. ross. 450; Ph. helv. suppl. 128; Ph. belg. 274.
Emplastrum Hyoscianü: Ph. ross. 112; Ph. helv. suppl. 36; Ph. belg. 161; Ph. Neerl. 92.
Bezüglich der Drogen und Präparate siehe auch Hager, Handb. d. pharm. Prx. II. 162.
Tafelbesehreibung:
A oberer Theil der Pflanze in natürl. Grösse; 1 Kelch mit Blumenkrone, desgl.; 2 aufgeschnittene undauegebreitete Blumenkrone, desgl.; 3 Fruchtknoten mit Griffel und Narbe, vergrössert; 4 Staubgefässe, desgl.; 5 Pollen-korn, desgl.; 6 Frucht mit Fruchtkelch, desgl.; 7 Frucht mit geschlossenem Deckel, desgl.; 8 dieselbe im Längsschnitt,desgl.; 9 dieselbe im Querschnitt, desgl.; 10 dieselbe mit geöffnetem Deckel, desgl.; 11 Same, natürl. Grösse undvergrössert; 1'2 derselbe zerschnitten, vergrössert. Nach der Natur von W.Müller.