WILLENSHEILKUNDE
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Publicum um des Arztes Moralität! f) Ein schwacher Wille erregt Furcht,und diese macht, wie die Erfahrung lehrt, am meisten ansteckbar; dagegenkann der Muthige ohne Gefahr unter Pest- und Gelbenfieberkranken einher-wandern. g) Bei Verrückten finden wir oft eine recht starke Willenskraft,desgleichen bei Epileptischen und ähnlichen Krauken. Menschen, die an die-sen Übeln leiden, werden höchst selten von ansteckenden Krankheiten ergrif-fen, sie können Wind und Wetter Trotz bieten, ohne sich zu erkälten, selbstwenn sie früher nicht dagegen abgehärtet waren. Über den Einfluss desWillens als therapeutisches Mittel theilt Dr. P. Jolly (Revue medicale 1827,s. auch F. J. Behrend, Wöchentl. Repertor. d. neuesten med. chir. Lit. desAuslandes. Bd. III. Januar — Juli 18S7. Nr. 16. S. 247) ein in der Aca-demie roy. de Medecine vorgelesenes, recht interessantes Memoire mit. Hierheisst es unter anderm: „Die Orthopädie besitzt gegen diejenigen Deformitä-ten, welche aus einem Maugel an Einheit oder aus fehlendem Antagonismusder Muskelkräfte entstehen, kein wirksameres Mittel, als zweckmässige, durcheine feste Willenskraft unterstützte Bewegungen. — Auch die Behandlungdes Stotterns beruhet auf folgenden Principien: die Stimme und die Spra-che einer Art von Rhythmus zu unterwerfen, d. h. laut, Sylbe für Sylbe,auszusprechen, zu declamiren, zu singen und überhaupt eine feste und aus-dauernde Willenskraft, wodurch die Bewegungen der Zunge während derArticulation der Wörter fixirt werden. — Das Schielen oder die Abweichungdes Sehens von der Gesichtsaxe, der Nystagmus oculi oder die krampfhafteseitliche Abweichung der Augen, in Folge eines Mangels an Antagonismusder Muskelkräfte, welche das Auge festhalten oder bewegen, diese krankhaf-ten Zustände können ebenfalls einzig und allein durch eiue feste Willenskraftbeseitigt werden. (Nach DieffenbacKs neuesten Erfahrungen auch durchDurchschneidung der zu stark wirkenden Augenmuskeln. M.) Aber seine vor-züglichste therapeutische Kraft — seine hauptsächlichste therapeutische Wir-kung zeigt der Wille aber in der Chorea St. Viti. Bekanntlich entstehtder Name dieser Krankheit, welche in einer Perversion der Muskelkraft be-steht, daher, dass vormals eine grosse Anzahl der mit dieser Krankheit Be-hafteten nach der Capelle des heiligen Veit in Deutschland wallfahrteten, umTag und Nacht bis zu ihrer Heilung daselbst mit Tanzen zuzubringen. Diesein die Geschichte der abergläubischen Ideen des Mittelalters gehörige That-sache verdient insofern einige Aufmerksamkeit, indem sie den heilsamen Er-folg einer angestellten regelmässigen Bewegung gegen eine krankhafte oderperverse zeigt. Louvet-Lamarre, Arzt zu St. Germain-en-Laye, richtetenach diesen Grundsätzen und mit einein bewundernswürdigen Erfolge seineBehandlung ein bei einein jungen Mädchen, das am Veitstanze litt. Er ver-ordnete ihr namentlich das Tanzen auf dem Seile, das geeignetste Mittel,die Aufmerksamkeit und die Regelmässigkeit ihrer Bewegungen rege zu er-halten. Das Mädchen genas in einem Zeiträume von 14 Tagen, nachdem siodieser Übung den gröisten Theil dieses Zeitraums gewidmet hatte. — Wieauch der Wille das Eintreten der epileptischen Anfälle verhüten kann, istschwerer zu begreifen, und dennoch befand sich im J. 1827 ein Mann imHöpital-St.-Louis, der, sobald die Zeichen eines drohenden Anfalls heran-naheten, nur indem er Kau- und Schlingbewegungen vornahm und festeSpeisen in den Mund steckte, das Eintreten der epileptischen Anfälle verhü-tete. — Die Geschichte von einer Epilepsie, welche in einem Kloster zu 11 ar-lem blos durch Nachahmung epidemisch ward und welche der grosse Boer-haave wie durch Zauberschlag nur durch Strenge und Drohungen heilte, istbekannt. — Auch gegen den Tetanus vermag das Einschreiten des Willensoft mehr als die energischen Heilmittel. Prof. Cruveilhier hat einen Fall be-kannt gemacht, wo der Wille allein in einem bis auf den höchsten Gradgesteigerten traumatischen Tetanus fast durch ein Wunder im Stande war,den Kranken einem fast unvermeidlichen Tode zu entreissen. Als Cruveilhierdie convulsivischen Zuckungen des Zwerchfells und aller Respirationsmuskelnsah, glaubte er das einzige Mittel nur darin zu finden, wenn durch einenfesten und eisernen Willen die krampfhaften Bewegungen beherrscht würden.