1056 VERLETZUNGEN DES MENSCHL. KÖRPERS
Ansicht verleitete, dass das Urtheil über die Bedeutung einer Verletzung injedem concreten Falle sich einzig und allein darnach zu richten habe,ob ein für das Leben mehr oder weniger wichtiges Organ von ihr getroffenworden war. Allein nachdem von der andern Seite doch auch Fälle genugzur Beobachtung gelangt sind, welche erwiesen haben, dass nicht jede Ge-walttätigkeit, die selbst den edelsten Körperorganen zugefügt wird, unbe-dingt notwendig von einem tödtlichen Erfolge begleitet sein muss, so istdadurch zwar jene einseitige Ansicht verdrängt, aber auch mannichfach zuMissdeutungen der entgegengesetzten Art Veranlassung gegeben worden, in-dem man in der neuern Zeit bei der medicinisch-forensischen Beurtheilungder Verletzungen nicht selten den Ort, wo sie stattfinden, und die organi-sche Dignität des verletzten Theiles viel zu wenig in Anschlag bringt, unddeshalb in manchen Fällen, in welchen gerade dieser Punkt den eigentlichenEntscheidungsgrund in sich enthält, die vorhandene Gefahr oder Tödtlich-keit zu bestreiten sucht (s. Tödtlichkeit der Verletzungen).Dritter Bestimmungsgrund: Die Individualität des Ver-letzten in ihrem ganzen Umfange. In dieser Hinsicht kommen, —nach Henke, Siebenhaar (I. c. p. 37 sq.) u. A. — sehr verschiedene Ver-hältnisse in Betracht, und zwar zuvörderst das Lebesnalter. Eine jedeLebensepoche hat nämlich ihren eigentümlichen Charakter, von dem in vie-len Stücken der Grad der Resistenz des Individuums gegen äussere schäd-liche Einflüsse auf dasselbe und die Art und Weise der Reaction abhängen.So ist es ganz natürlich, dass das Kind bei der Zartheit, Empfindlichkeitund Schwäche seines Körpers, je jünger es ist, um so leichter und schnel-ler den ihm zugefügten Gewalttätigkeiten unterliegt, während es indessdoch von der andern Seite durch die grössere Nachgiebigkeit der Theilevor der Einwirkung mancher Eindrücke sehr geschützt ist. Dies ist na-mentlich bei der Zufügung von Verletzungen am Kopfe der Fall, wicwoldieselben dann, wenn sie wirklich stattfinden, in diesem Alter, wo die Hirn-masse noch nicht die gehörige Consistenz erreicht hat, und vorzugsweisezu Entzündungen mit Ausschwitzungen geneigt ist, meist desto gefährlichereZufälle zu erzeugen pflegen. Noch mehr gesteigert zeigt sich die allge-meine Nervenreizbarkeit in der Epoche der G eschl e ch tse n t wie ke-lung, sodass jeder krankhafte Zustand, mithin auch der der Verletzung,leicht einen hierdurch bedingten unregelmässigen Verlauf nimmt (s. Ent-wickeln ng s krankhei ten). Ferner besitzt der Körper im Jüng-lings- und Jungfrauenalter zwar schon immer mehr Festigkeit undKraft, die bei Verletzungen oft sehr wohl zu statten kommt; allein die Er-fahrung lehrt auch, dass die krankhaften Störungen dieses Alters grössten-teils sehr wesentlich unter dem Einflüsse des neu erwachten und regenGeschlechtslebens stehen, und dass besonders das Blutgefässsystem und dieRespirationsorgane in ihm zu entzündlichen Krankheiten hinneigen; ein Um-stand, der den Brustverletzungen hier eine höhere Bedeutung verleiht (s.En t wi ck elu n gskran k hei t en). Ohne Zweifel besitzt aber der Menschim reifen Mannesalter, in welchem das Verhältniss aller Systeme und Or-gane zu und unter einander am meisten geregelt ist, das physische (nichtminder auch moralische, Most ) Vermögen den äussern Schädlichkeiten, wel-che auf seinen ganzen Körper oder auf einzelne Theile desselben verletzendeinwirken, einen nachdrücklichen Widerstand zu leisten und ihre unmittel-baren Folgen wieder auszugleichen, im reichlichsten Masse. Dagegen nimmtdiese innere Energie wiederum mit eintretenden höherem oder Greisen-alter in gleichem Grade ab, wo der Lebensturgor, welcher in den einzel-nen Systemen und Gebilden sich auf die ihrer eigentümlichen Natur ent-sprechende Weise ausprägt, in eine allgemeine Stumpfheit und Erschlaffungi"V -geht, und das Mischungaverhältniss zwischen den flüssigen und festenBestandteilen des Leibes sich umändert. Daher kommt es, dass insbeson-dere die Knochen bei Greisen, ihrer Sprödigkeit wegen, zu Fracturen, dienur schwer und unvollkommen wieder zu heilen pflegen, sehr geneigt sind(s. Alter des Menschen). Ein zweiter, zur Individualität gehöriger