598
RECRUTIRUNG
höchst selten vorkommen und auch im höhern Alter vorübergehend sind, so-wie auch das schwache Gesicht (Amhlyopia, Hebetudo viiui), muss erstdurch mehrere Versuche bestätigt werden. Überhaupt ist bei der Unter-suchung des Gesichts mit grösster Vorsicht zu verfahren, zumal wenn derRecrut eine Schwäche des Gesichts vorgiebt, die durch kein äusser-liches Zeichen zu erkennen ist; in diesen Fällen müssen erst rationelle Pro-ben angestellt werden, weil man sonst leicht hintergangen werden kann.Etwas Anderes ist es, wenn äussere, bemerkbare Fehler oder Übel vorhan-den sind, welche das Sehen hindern, wo man dann, wenn selbige genauerwogen worden, mit Gewissheit darüber absprechen kann. Auch die Kurz-sichtigkeit ( Myopia ) wird oft simulirt; doch kann die Entfernung, in wel-cher ein solcher Recrut die Schrift lesen kann, und die Wirkung, welcheein vor sein Auge gebrachtes Glas, das nicht bestimmt ist, bei Kurzsichti-gen das Sehevermögen zu vermehren, hat, Anzeigen geben, um die Wahrheitzu entdecken, oder den Betrug zu erkennen. Sonst aber geben die Dicke desAuges, seine hervortretende Convexität, die beträchtliche und habituelle Er-weiterung der Pupille, ihr langsames Zusammenziehen, das beinahe anhal-tende Ruuzeln der Augenlider und Augenbrauen die gewöhnlichen Merkmaleder Kurzsichtigkeit, worauf also der untersuchende Arzt ebenfalls zu sehenhat. An der Nase wird untersucht, ob vielleicht bösartige Geschwüre derStirnhöhlen, der Nasenhöhlen (Ozaena) und der Oberkieferhöhlen ( Ozaenamaxillaris ), oder unheilbare polypöse Gewächse, Knochenfrass oder eineDeformität vorhanden sei, wodurch das Athmen beträchtlich erschwert wird.An den Lippen, ob scirrhöse, krebsartige Geschwülste vorhanden sind.Hierauf lässt man den Mund öffnen, um die Zähne zu sehen; denn der Man-gel oder die unheilbar verlorene Festigkeit der Schneidezähne, mit Inbegriffder Eckzähne und ersten Backenzähne, machen vom Soldatendienste frei,dahingegen der Mangel der Schneidezähne allein nicht, weil der Soldatdessenungeachtet die Patronen mit den Bck- und ersten Backenzähnen ab-reissen kann. So untersucht man ferner, ob vielleicht eine unheilbare Spei-chelfistel, ein unheilbarer Speichelfluss, oder andere unheilbare Geschwüreoder Polypen der Mund- oder Rachenhöhle, oder eine Unförmlichkeit derKiefer und des Gaumens, die den Recruten am Kauen und am Schluckenhindert, vorhanden sind. Auch der stinkende Athem von unheilbaren Ur-sachen macht frei, weil es rücksichtlich der Kameraden nicht zu ver-antworten ist, solche Menschen stets neben sich zu haben, oder nebendenselben zu schlafen. Stellt der Recrut sich stumm, und ist keinephysische Ursache davon aufzufinden, so rauss derselbe in einem Spitalebeobachtet, oder dieser Mangel der Sprachfähigkeit durch unzweidutigeZeugnisse erst ausgemittelt werden, z. B. durch ein Aufschrecken aus demSchlafe u. s. w. Auch pflegt die Stummheit, wenn sie nicht angeboren,sondern erst in der Folge entstanden ist, gewöhnlich mit einer andern Läh-mung verbunden zu sein. — Ebenso verhält es sich auch mit dem Stot-tern, welches, wenn es in einem hohen Grade vorhanden ist, für den acti-ven Soldatendienst untauglich macht, weil dadurch die Sicherheit eines Po-stens in Gefahr kommen kann. — Auch die Ohren müssen sorgfältig un-tersucht werden, und um sich von einer wirklichen Taubheit oder Schwer-hörigkeit zu überzeugen, muss man zu diesem Zwecke mancherlei Versucheanstellen, bald laut und bald leise mit dem Recruten sprechen, oder ihn auchaus dem Schlafe wecken und erschrecken. Hätte derselbe entzündete oderfliessende Ohren, so muss genau untersucht werden, ob dies nicht absicht-lich durch reizende Mittel hervorgebracht sei. Am Halse nimmt man aufdie Steifigkeit, Schiefheit, auf Kropf, Scrophela und andere Geschwülste,z. B. Luftröhrenbrnch ( 'Bronchocele ) Rücksicht. An der Brust ist beson-ders die Empfindlichkeit beim Druck an verschiedenen Stellen, der Schlagdes Herzens, die Bewegung des ganzen Brustkastens beim Ein- und Aus-athmen, der Bau der Schultern, des Rückens, des Schlüsselbeins und derRippen zu untersuchen. Recruten mit einer schmalen, flachgedrückten Brust,gleich Flügeln abstehenden Schulterblättern und einem geschwindeu, kurzen,