258
Geschmackssinn.
Herben, ja selbst des Sauren immer eine gewisse Beimischung von einerGefühlsenipfindung haben. Es ist in dieser Beziehung sehr bezeichnend,dass Kranke, denen wegen Durchschneidung des Bamus lingualis Nervitrigemini mit dem Geschmacke auch die Tastempfindung verloren gegangenist, schon ohne vorhergehende Untersuchung sagen, dass sie vorne nurbis zur Halbscheid der Zunge schmecken, während reine Ceschniacksläli-mungen einseitig oft ohne Wissen des Kranken bestehen. Man bringtChinin auf die gesunde Seite; es wird sofort deutlich geschmeckt; manbringt es ganz in derselben Weise auf die kranke Seite; es wirdnicht geschmeckt. Nun lässt man den Patienten den Mund schliessen,das Chinin verbreitet sich in der Mundhöhle, und nun gibt er an, erschmecke es auf beiden Seiten. Der Geschmackssinn ist dabei, ich möchtesagen, der unsicherste, der unverlässlichstc von allen unseren Sinnen.Seine Vcrlässlichkcit ist nicht zu vergleichen mit der des Gesichtssinnsund des Gehörsinns, auch selbst nicht mit der des Geruchssinns. Wennman wirklich über das Untorscheidungsvermögen des Geschmacksorganesexporimentirt, so findet man, dass dasselbe keineswegs so verlässlich ist,als dies Laien gewöhnlich zu glauben pflegen. Weintrinker sind nicht imZweifel darüber, dass der rothe Bordeaux einen von allen weissen Weinenverschiedenen Geschmack habe, und dass nichts leichter sei, als ihn vonsolchen zu unterscheiden. Die einen trinken nur weissen Wein und mögendurchaus keinen rothen, die anderen trinken dagegen nur rotten Wein.Nichtsdestoweniger kann man zeigen, dass selbst über solche Unterschiede,die ganz zweifellos scheinen, sich Menschen täuschen können. Wenn manJemandem die Augen verbindet und ihm rothen und weissen Wein zukosten gibt, so unterscheidet er ihn das erste Mal allerdings richtig; wenner aber einige Male hin- und hergekostet hat, so fängt er, wenigstens beigewissen Sorten weissen Weines, an Fehler zu machen, so dass man sieht,dass sein Unterscheidungsvermögen jetzt nicht mehr die volle Sicherheithat. Es ist dies ein Experiment, das oft gemacht ist, und bei demmanche Wette verloren wurde.
Das sind die Gründe, weshalb sieh Geschmacksversuchen nicht un-bedeutende Schwierigkeiten entgegensetzen.
Die Zunge.
Unser wesentliches Geschmacksorgan ist die Zunge. Wir wollendiese näher betrachten und sehen, ob wir hier die ersten Angriffspunktefür die schmeckenden Substanzen finden können.
Die Zunge trägt bekanntlieh eine Schleimhaut, die mit einem ge-schichteten Pflastcrepithel bekleidet ist, unter welchem eine Menge Schleim-drüsen liegen, die Glandulae linguales, und in der eine grosse Zone vonperipherischen Lymphdrüsen liegt, welche sich von der Wurzel der einenTonsille quer über die Zunge zur Wurzel der andern Tonsille hinüber-zieht. Es sind dies die sogenannten Balgdrüsen. An der Oberfläche derSchleimhaut befinden sich drei Arten von Papillen, die wir als Papillärfiliformes, Papulae fungiformes und Papulae circumvallatae unterscheiden.Die Papulae filiformes bestehen aus einer im Allgemeinen konischen Her-vorragung der Sehleimhaut, in welche eine kleine Arterie hineingeht, darinein zierliches Capillarnetz bildet, und aus welchem wieder eine kleine Vene