182
Scheinbare Grösse.
ein Objcct (Fig. 3 7 a), und ich verdecke es, während ich es fixire, voll-ständig durch einen vorgeschobenen Schirm b c und wende jetzt meinAuge so, dass die Gesichtslinie von dem Eande des Schirmes, also auchvom Objecto abgewendet wird, die Lage von h g annimmt; so kommtdas Object hinter dem Eande des Schirmes wieder zum Vorschein. Wiegeht das zu? Das rührt daher, dass ich mit der Gesichtslinie auch dieKnotenpunkte bewegt habe, und dass sie einen Kreisbogen m n beschriebenhaben. Das Objcct a wird jetzt im indirceten Sehen gesehen, und wennich sein Netzhautbild finden will, so muss ich eine gerade Linie durchden sogenannten Kreuzungspunkt der Sehstrahlen n ziehen, dann findeich das Bild in <x. Will ich das Bild des Schirmrandes c finden, so mussich von diesem wieder eine gerade Linie durch n ziehen und finde das-selbe in ß. Da nun a dem Centrum retinae c näher liegt als ß, so kanna nicht mehr von b c vordeckt werden.
Auf alle Fälle aber ist die scheinbare Grösse, mag ich sie be-stimmen aus dem Netzhautbildc oder aus den Augenbewegungon, einWinkelwerth, und sie kann nicht im Linearmassc ausgedrückt werden undauch nicht durch Vergieichung mit anderen Dingen, die mit Linearniassgemessen werden.
Es ist gar nicht selten, dass man Laien miteinander streiten hört,wie gross man den Mond sehe. Der eine sagt, er sehe den Mond sogross wie einen Fassboden, der andere sagt, er sehe ihn so gross wieeinen Teller, der dritte sagt, er sehe ihn so gross wie einen Silber-sechser. Die Drei können sich natürlich nicht miteinander einigen, abersie haben alle Drei Recht. Denn es handelt sich nur darum, wie weitich mir den Fassboden, den Teller oder den Silbersechser vom Auge ent-fernt vorstelle, um einen Winkelwerth herauszubringen, welcher gleich istdemjenigen der scheinbaren Grösse des Mondes.
Ich muss hiebei bemerken, dass die Entfernung, in welcher wir der-artig entfernte Körper, wie den Mond, sehen, bei Weitem unterschätztwird, und dass wir meist geneigt sind, das Bild des Mondes mit dem vonverhältnissmässig grossen terrestrischen Dingen zu vergleichen, die wir unsunbewusst mehr oder weniger entfernt vom Auge vorstellen. Helmholtzbemerkt, dass auf dem blinden Flecke der Netzhaut, also auf der Ein-trittsstelle des Sehnerven, eilf Vollmonde nebeneinander Platz haben.
J. Plateau hat über das Unterschätzen der Entfernung des Mondesfolgenden interessanten Versuch durch seinen Sohn anstellen lassen. Derletztere projicirte das Nachbild des Vollmondes auf eine Mauer und näherteoder entfernte sich, bis ihm das projicirte Nachbild ebenso gross erschien,Avie ihm der Mond erschienen war. Seine Entfernung von der Mauerfand sich dann gleich 51 Meter. Er hatte also, als er den Mond ansah,diesen in einer Entfernung von nur 51 Metern vorgestellt.
Eine nur theilweise erklärte Thatsache ist es, dass der Mond amHorizont uns immer grösser erscheint, als wenn er höher am Himmelsteht. Natürlich kann dies nur daher rühren, dass wir die Entfernungdes Mondes grösser schätzen, wenn er sich am Horizont befindet, als wenner hoch am Himmel steht. Es fragt sich aber, wie das zu erklären sei.Man sagt, dass es davon herrühre, dass in dem unteren Theile der Atmo-sphäre mehr Dünste seien, und es Einem vermöge der stärkeren Wirkungder Luftperspective vorkomme, als ob der Mond entfernter sei. Es reicht