Druckschrift 
2 : S/S. 1886 (1887) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
Entstehung
Seite
269
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Tastsinn und Geraeingefuhl.

269

düngen als dem Gemeingofülile angehörig, indem man es gewöhnlich soauffasst, dass man hei den Sinneswahrnehmungen und auch beim eigent-lichen Tasten in der Vorstellung nicht seinen eigenen Körper, sonderndie Objecto fühlt, die man ansieht, die man riecht, die man hört, die manbetastet; dass wir dagegen bei gewissen anderen Empfindungen das Gefühlbabon, dass wir unseren eigenen Körper empfinden, und dies bezeichnetman mit dem Namen des veränderten Gemeingefühlcs. Als den "Ver-änderungen des Gemeingefühles angehörig sieht man also an Schmerz,Kitzel, Schaudern, Unbehagen u. s. w.

Es fragt sich also: wenn die Haut gekitzelt wird, und zwar so weit,dass dadurch ein Schaudern als Keflex in den Nerven der glatten Muskel-fasern der Haut ausgelöst wird, oder dass Lachen, also Keflex in den Ke-spirationsmuskcln entsteht; ist dieses Kitzeln auch eine Empfindung derTastnerven oder kommt mir diese durch andere Nerven zu? Ich glaube,dass das Kitzeln nichts Anderes ist als eine besondere Art der Empfin-dung in unseren Tastnerven. Das Kitzeln entsteht dann, wenn entwedereine Gruppe von Tastnerven sehr oft hintereinander schwach erregt wird,oder wenn nacheinander Gruppen von Tastnerven schwach erregt werden.Es entsteht, wenn ich mit einem Eederbart oder einem Strohhalm leiseüber die Haut hinfahre, es entsteht aber auch dann, wenn ich den Eiugeran eine schwingende Saite bringe, so dass sie sehr rasch hintereinanderdieselbe Gruppe von Nerven wiederholt erregt.

Wir fragen dann weiter, ob der Schmerz, der uns erregt wird,wenn heftig gerieben wird, oder wenn die Haut gekneipt wird u. s. w.,ob uns dieser auch durch die Tastnerven zugeht oder nicht. Sehr ver-breitet ist die Ansicht von Johannes Müller, dass der Schmerz vongewöhnlichen Empfindungsnerven herrühre, die im Allgemeinen unserenTastnerven als gleichwerthig zu betrachten sind, und die eben in sehrhohem Grade erregt worden sind. Darnach müsste man also sagen, diehöheren Grade von Erregungen der gewöhnlichen Empfindungsnerven sindes, welche wir als Schmerz empfinden. Man hat sich freilich auf diequalitativen Verschiedenheiten des Schmerzes, auf einen stechenden, einenschneidenden, einen drückenden Schmerz u. s. w. berufen; aber es lassensich diese Verschiedenheiten auch auf die verschiedene Art der Erregungzurückführen. Wenn eine bestimmte kleine Gruppe von Nerven in sehrbohem Grade erregt wird, so haben wir einen stechenden Schmerz. Pflanztsich die Erregung linear fort, dann haben wir einen schneidenden Schmerz.Wird dagegen eine grössere Menge von Nerven schwächer, aber gleich-zeitig erregt, dann haben wir einen drückenden Schmerz u. s. w.

Ein sehr wichtiger Einwand gegen diese Theorie ist gemacht worden.Es sind nämlich Fälle beobachtet worden, in denen die Empfindlichkeitgegen Schmerz verloren gegangen war und doch noch ein ziemlich gutesTastgefühl existirte. Man kann diese Beobachtungen nicht von der Handweisen; eine derselben, die berühmteste, wurde von einem Genfer Arzt,Vieusseux, der seinen Zustand ausführlich beschrieb, an sich selbst ge-macht. In neuerer Zeit sind die Aussagen hinzugekommen, welche ein-zelne Individuen über ihren Zustand in der Aether- oder Chloroform-narkose gemacht haben. Sie haben ausgesagt, sie wären so weit narkotisirtworden, dass sie keinen Schmerz empfunden hätten, aber sie hätten nochgehört, gesehen, sie hätten noch die Dinge gefühlt. Es scheint dies auf