Druckschrift 
2 : S/S. 1886 (1887) Physiologie der Nerven und der Sinnesorgane und Entwickelungsgeschichte
Entstehung
Seite
228
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

228

.Stereoskope.

weichen. Dass der momentane Gesichtseindruck den Erfolg haben wird,die Doppelbilder zur Anschauung zu bringen, ist also keineswegs wahr-scheinlich, und in der That hat er auch diesen Erfolg nur bei einzelnenIndividuen oder unter gewissen künstlich hergestellten Bedingungen, diedem Erscheinen von Doppelbildern besonders günstig sind. Welch' andernkann er dann haben? Er kann den Anstoss zu einer räumlichen Vor-stellung geben, gerade so, wie, wenn wir die Augen öffnen und die Dingeum uns im ersten Momente erblicken, wir auch nur den ersten Anstosszu der räumlichen Vorstellung haben und diese dann erst weiter vervoll-ständigen. In unserem Gehirne gehen die Dinge wie in einem Kaleidoskop.Wenn der erste Anstoss erfolgt ist, wenn die Dingo ins Rutschen ge-kommen sind, so muss immer eine in sich abgeschlossene Figur entstehen,und eben diese ist hier die Vorstellung vom Relief. Es geben daher schondie beiden perspeetivisehen Ansichten, die wir von dem Körper bekommen,dadurch, dass wir ihn mit dem rechten und zugleich auch mit dem linkenAuge ansehen, das Materiale für die ganze räumliche Vorstellung ab, unddas Schwanken der Sehaxen ist nicht absolut nothwendig, um sie zumBowusstsein zu bringen. Man darf sieh dies nicht so vorstellen, als obman aus den beiden perspeetivisehen Flachbildcrn das Relief abstrahire,denn das würde voraussetzen, dass diese Flachbilder als solche wahr-genommen werden, was thatsächlich nicht der Fall ist. Man muss sichvorstellen, dass die beiden Bilder im Gehirn den Anstoss zu einer Reihevon Vorgängen geben, die denen analog sind, welche beim dauerndenAnschauen des Körperlichen statthaben.

Hiermit hängt es auch zusammen, dass wir den Eindruck des Körper-lichen viel weniger entschieden und energisch bei momentaner Beleuchtungeines Gegenstandes haben, als wir ihn bei dauerndem Ansehen desselbenGegenstandes erhalten. Wenn wir ein Zimmer mit den Gegenständen, diedarin sind, mittelst eines elektrischen Funkens beleuchten, so sehen wiralle Dinge im Zimmer, wir sehen sie qualitativ nicht anders, als wie wirsie sonst sehen, wir sehen sie nicht etwa in Doppelbildern, weil wir keineZeit haben, solche zu entwickeln. Es erwächst uns die allgemeine Vor-stellung von den körperlichen Dingen, wie sie im Zimmer verbreitet sind,aber sie erwächst uns nicht mit der Vollkommenheit, mit der Schärfe, mitwelcher wir den Eindruck haben, wenn wir alle diese Gegenstände nacheinander in Fixation bringen können. In derselben Weise unterscheid etsich das Stereoskopisehe Sehen, das heisst das Sehen der Trugbilder imStereoskop, bei momentaner Beleuchtung und bei dauernder. Wenn ichbei momentaner Beleuchtung in das Stereoskop sehe, so nehme ich meistenskein Doppelbild wahr, ich bringe die verschiedenen Ansichten, die beideAugen wahrnehmen, auch zu einem Körperlichen zusammen; aber diesesKörperliche hat etwas Schemenhaftes, es hat nicht die Bestimmtheit, welchees gewinnt, wenn man dauernd in das Stereoskop hineinsieht. Wenn mansich aufmerksam beobachtet, wird man bemerken, dass, wenn man imersten Momente hineinblickt, die Vorstellung des Körperlichen auch nichtso scharf hervortritt, als nachdem man bereits kurze Zeit hineingesehen.Wenn man Zeit gehabt, die verschiedenen Theile der Bilder durch ver-schiedene Convergenz zur Deckung zu bringen, dann vertieft sich dasGanze, dann bekommt man die volle Vorstellung von der Räumlichkeitder Objecte.

BMh