Druckschrift 
1 (1855) Anorganische Chemie und Abriss der organischen Chemie
Entstehung
Seite
11
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

E i n 1 e i t u n g.

11

die Bildung geometrischer Polyeder, von sehr unähnlichem Sym-metriegesetz, zu veranlassen.

Häufig befinden sich daher die Moleküle, welche sich in ho-her Temperatur geordnet haben, wenn der Körper die gewöhn-liche Temperatur angenommen hat, unter der Einwirkung vonKräften, welche von den bei ihrer Krystallisation thätigen sehrverschieden sind- In solchen Fällen beobachtet man gewöhnlich,dass die, kurz nach ihrer Eildung, vollkommen durchsichtigenKrystalle nach einiger Zeit undurchsichtig und pulverförmig wer-den. Es findet eine Formänderung statt, weil die Moleküle, inFolge der in niederer Temperatur auf sie wirkenden Kräfte, sichanders zu ordnen streben. Nachdem diese Aenderung stattge-funden hat. kann man mittelst des Mikroskops häufig erkennen,dass die Masse aus kleinen Krystallstücken zusammengesetzt ist,welche sämmtlich die Gestalt des bei gewöhnlicher Temperaturkryst.tllisirten Stoffes besitzen. Bei den durch Schmelzen erhal-tenen Krystallen des Schwefels ist diese Umsetzung sehr auffal-lend; anfangs sind sie von bernsteingelber Farbe, vollkommendurchsichtig und etwas biegsam; nach einigen Tagen zeigen sieindessen ein durchaus verschiedenes Ansehen; sie haben ihreDurchsichtigkeit verloren, sind spröde geworden, und wenn mandas Pulver unter dem Mikroskop untersucht, so sieht man, dasses aus kleinen Krystallen besteht, welche den aus einer Lösungvon Schwefelkohlenstoff bei gewöhnlicher Temperatur erhaltenenSchwefelkrystallen gleichen.

Man nennt die Körper, welche die Eigenschalt besitzen, un-ter abweichenden Verhältnissen in zwei Formen von verschiedenenSymmetriegesetzen zu krystallisiren, dimorphe Körper, und dieEigenschaft selbst hat den Namen Dimorphismus erhalten.

15. Wir werden in dem Folgenden sehen, dass verschiedeneStoffe, die eine ähnliche chemische Zusammensetzung besitzen,häufig Krystallgestalten annehmen, welche, obgleich nicht in jederBeziehung übereinstimmend, doch eine solche äussere Aehnlich-keit besitzen, dass man Unterschiede an beiden nur durch einesehr genaue Messung der Winkel auffinden kann. KohlensaurerKalk, kohlensaure Magnesia, kohlensaures Eisenoxydul, kohlen-saures Manganoxydul und kohlensaures Zinkoxyd krystallisirenz. B. alle in Rh.omboedern, deren Winkel zu wenig von einanderabweichen, als dass man sie durch blosses Ansehen unterscheidenkönnte. Man hat ausserdem gefunden, dass die Substanzen,deren Krystalllbrm so geringe Unterschiede zeigt, sich häufigin beliebigen Verhältnissen ersetzen, wenn sie aus derselben