Einleitung.
Wohin wir unseren Blick auch wenden, tiberall begegnet uns embeständiger Kreislauf der Erscheinungen, ein unaufhörliches Werdenund Vergehen der uns umgebenden körperlichen Welt. Die regelmäs-sigen Bahnen der Sonne und des Mondes, der Planeten und der Sternehaben seit jeher den denkenden Menschen in hohem Grade beschäftigt.^ie Neubildung glänzender Krystalle in der kaum erstarrten Lava derVulcane, wie andererseits die langsame Zersetzung der festesten Urge-steine unter dem Einflüsse der atmosphärischen Agentien, die periodischstets wiederkehrenden und die in abgeschlossener Form stattfindendenVeränderungen, denen jeder pflanzliche oder thierische Organismusunterliegt — dieses alles' und noch manches ähnliche sind Vorgänge,deren tieferes Verständnis« die allergrösste Bedeutung für uns hat.
Erst in der Neuzeit ist man der Erforschung von derartigen Fragenin erfolgreicher Weise näher getreten, geleitet von dem klaren Bewusst-sein, dass man die natürlichen Vorgänge ihrem inneren Wesen nachmöglichst genau ergründen müsse, um sie mit Vortheil auszunützen oderihnen die gerade erwünschte Richtung geben zu können.
Am offensten der Beobachtung zugänglich und daher auch schonvor Jahrhunderten zuerst eingehender studirt sind diejenigen Erschei-nungen, welche durch Bewegung grösserer Massen hervorge-bracht werden. Dahin gehören nicht nur die von den Gestirnen be-schriebenen Bahnen, sondern auch die Bewegung der Erde im Räume,sowie, die Ortsänderungen fester Körper an der Erdoberfläche — wiedas Fallen eines Gegenstandes, das Schwingen eines Pendels, das Rollenemer Kugel; desgleichen das Fliessen und die Wellenbewegung desVVassers, oder die Strömungen in der Atmosphäre, wie sie durch dasWechseln der Windrichtung oder die Stärke der Winde zur Wahr-nehmung gelangen. Es bedeutete nicht weniger denn eine vollkommenneue Aera in der Geschichte der Menschheit, als die Gesetze aller dieserErscheinungen durch Galilei (1564-1641) und seine Schüler undZeitgenossen klar erkannt wurden. Die Lehre vom Gleichgewicht undden Bewegungen der Körper, sowohl derjenigen auf der Erde, wie auchdieser selbst und der übrigen Himmelskörper, nennt man Mechanik.
Die auffallende Stetigkeit und Regelmässigkeit dieser Bewegungenfandet ihre Erklärung in einem Hauptgrundsatze der Bewegungslehre,dem „Gesetze der Trägheit oder des Beharrungsvermögens", das zuerstvon Galilei erkannt und von Newton (1642—1727) folgendermaßeniormulirt worden ist: „Jeder Körper verharrt in seinem Zustande derttuhe oder der gleichförmigen Bewegung in geradliniger Bahn, so langee r nicht durch einwirkende Kräfte, gezwungen wird, diesen Zustand zu
Krafi't, Anorganische Chemie, 3 Aufl. 1